Auf abenteuerlicher Fahrt in den Himalaya


Gießener Allgemeine, Samstag, 1. März 2003

Jugendliche aus Staufenberg bei Gießen unterwegs in Asien - Von Frederic Holzwarth

Was treibt den Menschen an? Max, Stefan und ich vom Weinbacher Wandervogel beantworten die Frage so: die Neugier!

Nachdem Max seine Ausbildung abgeschlossen hat, Stefan mit der Bundeswehr fertig ist und ich mein Studienfach wechsle, beschließen wir zusammen auf große Fahrt zu gehen. Wir wollen mehrere Monate lang das alte Asien bereisen, von Deutschland bis nach Thailand und wenn möglich natürlich über den Landweg. Auf den Spuren der Hippies? Nein, wir machen was eigenes, es geht uns nicht um den billigen Joint in Katmandu, die Opiumpfeife in den Bergen Teherans oder die spirituelle Erleuchtung bei einem Guru in Südindien. Die Neugier ist es. Wir wollen die Kulturen kennenlernen und üben deshalb ein wenig Türkisch und Persisch, wir wollen uns selbst kennenlernen und beschränken uns daher bei Gepäck und Finanzen auf ein Mindestmaß.

Wir gehen nicht das erste mal zusammen auf Fahrt. Als Wandervögel waren wir zusammen in den Slowenischen Alpen, Kanadas Wäldern, Marokkos Wüste und an so manch anderen Schauplätzen Europas. Stets in der Gruppe, wo einer auf den anderen angewiesen ist. Mit im Gepäck die Gitarre für die abendlichen Stunden am Lagerfeuer, ein schlichter Rucksack, manchmal ein Zelt, die sogenannte Kohte, und natürlich unerfüllte Sehnsucht und ungebändigter Tatendrang. Wir wollen das natürliche, abenteuerliche Leben erfahren und, so zeigt es sich immer wieder, erfahren wir uns dabei selbst. Die Natur des Menschen offenbart sich eben am ehesten in Grenzsituationen, also wenn der Weg sich wieder endlos hinzieht und kein Ziel in Sicht ist oder die Feldflasche schon lange vor der Oase leer zu werden droht und die Sonne immer noch herunterbrennt.

Wir wollen in dieser Welt, die nach populären Aussagen schon zu einem Dorf zusammengerückt ist, den Menschen nachspüren, die einer anderen Tradition entstammen als wir, die eine andere Geschichte haben als wir und die womöglich ganz andere Ansätze haben, um die Wirklichkeit zu verstehen. Peter Scholl-Latour sagt, der Eindruck vor Ort ist durch nichts zu ersetzen. Wir wollen uns diese Worte zu Herzen nehmen.

Max, Stefan und ich starten also am 30. September 2001 von unserem Landheim im Taunus und setzen zu einer Fahrt aus, die uns lange von der Heimat trennen wird, von Familie und Zentralheizung und von unseren alltäglichen Verläßlichkeiten, die uns anzeigen, daß die Dinge so bleiben, wie sie sind, und daß wir uns auf keine großen Änderungen einstellen müssen.

Die Türkei und den Iran hinter uns lassend betreten wir pakistanischen Boden, nicht ganz ungefährlich, da zur Zeit Amerika gegen Afghanistan einen Krieg führt und im Nachbarland die Emotionen hochkochen. Doch allen Unkenrufen zum trotz, wissen die Pakistaner ganz besonders gut, wie man Gästen den Aufenthalt angenehm machen kann und wir erleben ihre Freundlichkeit selbst in dieser Krisensituation.

Pakistan, als ehemaliger Teil der britischen Kolonie Indien, stimmt uns schon auf den großen Subkontinent ein. Für Indien haben wir uns überlegt Motorräder zu kaufen. Von Bombay starten wir dann auch tatsächlich mit alten Zweitaktmaschinen gen Süden. Und wie sollte es anders sein, auch wir werden von den grünen Hängen der südindischen Berge, den geheimnisvollen Tempelanlagen, den Yogis, die uns Bruchstücke ihres alten Wissens vermitteln, verzaubert. Das läßt uns aber auch nicht den Blick vor der schreienden Armut vieler Menschen verschließen.

Nun haben wir die Räder wieder verkauft und befinden uns auf dem Weg in den Himalaya. Nepal, das kleine Land zwischen Indien und Tibet versprüht schon den Duft unermeßlicher Weiten. Doch erst in Tibet fühlen wir uns so völlig ferne von zu Hause und diese hochragenden Berge und jene breiten Ebenen machen uns den Rest der Welt gänzlich vergessen. Tibet, du Land, dem Himmel am nächsten, doch geknechtet unter dem Joch der Besatzung durch China. Schnell haben wir den Rest Chinas durchfahren und betreten Vietnam, ein anderes der noch übriggebliebenen kommunistischen Länder unserer Zeit. Hier treffen wir Robert und Andreas, zwei Freunde aus unserem Wandervogelbund. Mit Ihnen bestaunen wir die Wunder der tropischen Wälder, wandern durch diese und die Reisfelder. Und wer hätte das gedacht, auch die dörflichen Parteibonzen wissen zu feiern und wir müssen so manch abendliches Fest mit ihnen bestreiten, ohne zu tief in das Glas zu schauen, immerhin sind auch wir für sie nicht unverdächtig.

Wir trennen uns von Andreas und Robert, als wir nach Kambodscha fahren. Hier und in Laos wandern wir des öfteren auf einsamen Pisten von Dorf zu Dorf. Und gerade, als wir einmal abseits der Wege, mitten im Dschungel sind, ereilt Stefan die Malaria! Nur gut, daß wir Medikamente dabeihaben, und so übersteht er die mühselige Rettungsaktion, bis wir, gänzlich erschöpft, ein Provinzkrankenhaus erreichen. Bald ist er wieder geheilt und wir beschließen, die Fahrt in Thailand ausklingen zu lassen.

Was hat uns die Fahrt gebracht? Ich wünschte ich hätte eine schnelle Antwort. Ich bin immer noch derselbe Frederic, doch in mir gärt eine Erfahrung, die jeden Tag neue Früchte offenbart.

Im Vergleich mit meiner Heimat, mit Deutschland, erwachsen aus den Erlebnissen handfeste Einsichten.

Immer wenn ich Ausländer treffe kann ich kurzerhand ein Gespräch entwickeln. Ein paar Floskeln in der Muttersprache, Fragen über die Situation in der Heimat und Berichte über eigene Erlebnisse machen uns schnell vertraut. Da ich selbst so lange Fremder war, und immer froh um Unterstützung und Nachfrage der Einheimischen, zögere ich nicht, Fremden im eigenen Land geradeaus Hilfe anzubieten.

Was aber die ganze Fahrt durchdrungen hat war das Leben in der Gruppe. Wir waren eine Gemeinschaft, mußten zusammen Entscheidungen treffen und aufeinander Rücksicht nehmen, bei Krankheit einander pflegen und wie selbstverständlich Aufgaben übernehmen und dabei die Verantwortung für alle tragen. Das ist womöglich der größte Schatz, den wir errungen haben. Die Gemeinschaft durch eigenes Zutun beleben zu können und dadurch alle Beteiligten zu einer höheren Leistung, zu einem höheren Ziel zu führen.

Auf die Burg Staufenberg im Burgmannenhaus laden wir am Samstag, den 1.März um 19 Uhr alle Interessierten ein. Auch Erwachsene dürfen gerne kommen, der Eintritt ist frei und es wird Kuchen geben. Für weitere Informationen steht Christoph aus Staufenberg zur Verfügung (Tel. 0 64 06/92 37 81).


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