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Vorabend des Singewettstreits |
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Über den Vorabend des Singewettstreits von Helm König
Wenn die bunten Fahnen wehen,
Geht die Fahrt wohl übers Meer.
Wolln wir fremde Lande sehen,
Fällt der Abschied uns nicht schwer.
Leuchtet die Sonne, ziehen die Wolken,
Klingen die Lieder weit übers Meer.
Der Abend vor dem diesjährigen 7. Peter-Rohland-Singewettstreit vom 08. - 10. September 2006 war einem Altvorderen gewidmet, einem Manne, den wir alle kannten und doch gar nicht kannten: Alf Zschiesche, dem Nerother Sängerpoet, der von 1908 bis 1992 lebte und die Nerother Liederszene kaum weniger prägte als Werner Helwig. "Die Weinbacher" - also der Weinbacher Wandervogel - hatte die Gestaltung übernommen.
Wir kannten diesen Mann, denn wir kannten viele seiner Lieder - viele, wenn wir im Umkreis der Nerother unsere Zelte aufgeschlagen hatten, aber selbst, wenn wir weit entfernt davon waren, kannten wir zumindest eines, nämlich sein "Wenn die bunten Fahnen wehen", denn dies war ein Volkslied geworden. Da hatte es nichts genutzt, daß kurz nach seiner Entstehung die bündischen Umtriebe verhaßt und die bündischen Liederbücher verboten waren. Zehn seiner Lieder waren erschienen in den "Liedern der Bauhütte", die noch 1935 erschienen und schon bald nur noch geheim gehandelt und gehütet wurden. Aber da stand dieses Lied bereits in den Liederbüchern der Hitlerjugend und der Wehrmacht (deren offizieller Ideologie es überhaupt nicht entsprach) und wurde überall gesungen, so daß sich wohl die hübsche Geschichte ereignet haben mag, daß in einem Gerichtssaal über das Singen solcher verbotener bündischer Lieder verhandelt wurde, während draußen auf der Straße Kolonnen der Hitlerjugend vorbeimarschierten, die eben dieses Lied sangen, was der Argumentation des Staatsanwalts wohl den Boden entzog. Freilich kennt man solche Story auch aus früheren literarischen Erinnerungen, so bei Fallada und Ernst von Salomon; da ging es um andere Musik.
Die Weinbacher sangen die Lieder, die sie vorstellen wollten, sehr gut und hätten so auch am nächsten Tage in der Arena auftreten können. Aber sie überließen das Wort ihrem Freunde Kai Debusmann. Ich habe selten bei uns einen so klar geordneten, einfühlsamen und gut gesprochenen Vortrag gehört wie an diesem Abend über Alf Zschiesche. Kai war Gitarrenschüler bei Alf gewesen und konnte uns so aus der freundschaftlichen Nähe berichten. So kannten wir Alf Zschiesche nicht. Was sollte aus diesem hochbegabten jungen Manne werden, der da in Wiesbaden wohlbehütet und hochbegabt aufwuchs -- da war Künstlerisches, Musikalisches, Bündisches, dann der Konflikt mit den Nazis und der schließlich erzwungene Brotberuf eines werdenden Studienrats. Aus diesen inneren Spannungen riß ihn der Krieg, der ihn dann unter dem Verlust eines Beines wieder ausspuckte. Aus der Kriegsgefangenschaft als 38jähriger wieder zurück zu einem bürgerlichen Leben ? Die verwaltete Schule mochte er eh nicht, da wurde er im Privaten Lehrer nur für die, die von ihm lernen wollten, in strengen musikalischen Exerzitien. So lernten ihn die Wiesbadener vor allem kennen. Im übrigen aber wurde er ein einsamer Mensch, dessen Dasein nur gemildert wurde durch die Milde und Heiterkeit seines Gemütes. Und durch das, was er schrieb, in dem er seine Gedanken zur Gestalt werden ließ. Aber seine kleinen Veröffentlichungen wurden kein wirtschaftlicher Erfolg. Er dichtete in der Sprache seiner großen Vorbilder Rilke und George, aber es muß ihn gequält haben, daß er ihnen gegenüber im Defizit blieb und nur Anerkennung im Kreise seiner jugendbewegten Freunde fand. Er ist als ein Einsamer gestorben.
Es ist gut, daß seiner gedacht wird. Den Weinbachern und Kai Debusmann ist zu danken.
Der du das große Glück erjagen wolltest,
Du ahntest nicht, daß du im Herbstgeschehn
An einem bunten Blatt dich trösten solltest,
Das von den Zweigen sank im Windeswehn.
Alf Zschiesche
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