Wie in einem Schwarzweissfilm – Wintertippel 2010


  - ©Weinbacher Wandervogel

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Wintertippel der Sturmgesellen im Thüringer Schiefergebirge

“Wir müssen mal darüber sprechen, wo wir in diesem Jahr auf Wintertippel gehen wollen.“ Diesen Satz, der seit nunmehr zwölf Jahren beständig um die Zeit des Wiesenfestes erstmalig auftaucht und bis kurz vor Weihnachten immer häufiger zu hören ist, kennt jeder Sturmgeselle. Auch ein so schönes und abwechslungsreiches Land wie Deutschland hat nur eine begrenzte Anzahl an Mittelgebirgen, die hoch genug sind, um auch zwischen den Jahren für Schnee garantieren zu können. Man kennt sie ja: Schwarzwald, Rhön, Bayerischer Wald, Erzgebirge, Thüringer Wald, Harz und so weiter. Da wir natürlich immer bestrebt sind, in eine uns noch unbekannte Gegend zu fahren, wird die Suche nach einem ordentlichen Wintertippelgebiet immer kniffliger Umso mehr erstaunt und erfreut es einen dann, wenn man auf Landschaften stößt, von denen man vorher noch nie eine Notiz genommen hatte. So erging es uns auch in diesem Jahr mit dem Thüringer Schiefergebirge. Was würde uns dort wohl erwarten? Wir waren gespannt.


So verließen wir am dritten Weihnachtsfeiertag die warmen Stuben, um unseren gemästeten Bäuchen mal wieder ein wenig Abwechslung zu bieten und die ganz besondere Stimmung eines Wintertippels zu erleben. Los ging es an der Saale-Talsperre Hohewarte in strahlendem Wintersonnenschein. Der vereiste Anstieg auf die Höhe des Schiefergebirges forderte uns auch sogleich. Ach, es ist so herrlich, nach den Festtagen wieder mit den Kameraden unterwegs zu sein, den kalten Wind im Gesicht zu spüren und die Freiheit des Himmels und der Berge zu fühlen. Mit diesen Gedanken und vielen Gesprächen zog der Tag auch wie im Flug vorüber. Am Abend sollten noch zwei weitere Ordenskameraden in Leutenberg zu uns stoßen und wir wollten sie gebührend empfangen. Also wurde auf einer ebenen Fläche an einem Bach im Wald der Schnee beiseite geräumt und die Kohte aufgebaut. Dann noch schnell den Boden mit einer dicken Schicht Tannenzweige ausgelegt und ein Feuer angezündet und fertig war die gemütliche Winterhöhle. Nicht zu früh, denn mittlerweile war schon die Nacht über uns herein gebrochen. Daran, dass man nur wenige helle Stunden am Tag hat, muss man immer wieder denken, wenn man im Winter unterwegs ist. Schließlich kamen auch die zwei Nachzügler und nach einer freudigen Begrüßung wurde noch lange gesungen und erzählt. So etwas hatten der Bach dort und der Wald sicher noch nie gehört.


Der folgende Tag führte uns über eine Hochebene, die „Steinerne Heide“ Nach Lichtentanne, einem kleinen Ort vollkommen aus Schiefer erbaut und teilweise recht kunstvoll verziert. Umgeben von schneebedeckten Feldern kamen wir uns vor, wie in einem Schwarzweiß-Film, ein Gefühl, das uns noch häufiger beschleichen sollte. Einen etwas verstaubten Eindruck machte auch das Wirtshaus, in dem wir uns kurz aufwärmten. Der Wirt erzählte uns vom nahe gelegenen ehemaligen Schiefertagebau „Oertelsbruch“, der im zweiten Weltkrieg als Konzentrationslager diente. Dort sei heute eine Gedenkstätte. Die wollten wir uns gerne anschauen und kurze Zeit später standen wir zwischen einigen Baracken und blickten hinab zu den riesigen Schieferhalden. Wir erfuhren, dass dieses Schieferbergwerk einst zu den größten und modernsten Europas gehört hatte. Gegen Ende des zweiten Weltkriegs wurde es von insgesamt 2500 Häftlingen zu einem Testbetrieb für die Triebwerke der V2-Rakete umgebaut. In den 19 Monaten seines Bestehens starben in dem Konzentrationslager, das eine Außenstelle des KZ Buchenwalds war, über 500 Häftlinge an den harten Arbeits- und Lebensbedingungen. Mit einem mulmigen Gefühl zogen wir stumm von dannen, da nun schon wieder der Abend nahte. Schon in völliger Dunkelheit erreichten wir die Schieferstadt Lehesten, wo wir ein gemütliches Nachtquartier beim Pfarrer fanden.


Am nächsten Morgen erwarteten uns wieder viel Schnee und ein strahlend blauer Himmel und so zogen wir auf den Wetzstein, die höchste Erhebung der Gegend. Von dort folgten wir nun dem Rennsteig gen Osten bis zu dem kleinen Ort Grumbach. Aus dem Dorf hörten wir schon von Ferne Gebimmel über die schneebedeckten Äcker zu uns hinüber schallen. Was mochte das wohl sein? Als wir schließlich die Häuser erreichten, sahen wir den Ursprung der Geräusche: Eine fahrende Fleischerei hatte Station gemacht und rief potentielle Kunden herbei. Das traf sich gut, denn wir hatten Hunger. Also holten wir schnell unsere Klampfen hervor und erfreuten die zwei Frauen im Wagen mit unseren Volksliedern so sehr, dass wir jeder eine schöne Mettwurst geschenkt bekamen. Auch einige Dorfbewohner kamen herbeigeeilt, um der seltenen Vorstellung zu lauschen. Auf der weiteren Stecke fing es dann an in dicken Flocken zu schneien. Da es etwas wärmer geworden war, waren diese Flocken sehr nass und unangenehm. Nach einem schier endlosen Marsch durchs Schneegestöber erreichten wir zu unserem Glück eine Schutzhütte, die uns allen Platz bot. Endlich im Trockenen. Der Schneeregen war noch stärker geworden und so entschlossen wir uns auf dem Schotterboden in der Hütte ein Kochfeuer zu entzünden. Das war jedoch aufgrund des nassen Holzes nur unter enormer Rauchentwicklung möglich und so wurde dieser Abend zwischen eingeräucherter Hütte und Schneeregenmassen davor etwas ungemütlich.


Der neue Tag bescherte uns zwar Trockenheit von oben, aber auch wärmere Temperaturen, so dass der ganze Schnee im Schmelzen begriffen war. Dazu hüllte uns ein dichter Nebel ein. Da es aber leider schon unser letzter Fahrtentag war, trauerten wir nicht übers Wetter, sondern wanderten trotzig weiter, bis wir am Abend das Moorbad Lobenstein erreichten. Dort hatten wir wieder das Glück bei einem sehr netten Pfarrer Quartier zu finden und mit einer schönen Singerunde endete dieser Tag und damit auch der Wintertippel.

Felix

[Fotos]

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© 2001 - 2012 Weinbacher Wandervogel (Impressum), Kontakt: bund@weinbacher-wv.de, Letzte Änderung: 2011-07-28 10:30

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