Luftleere Höhen   –   Peru/Bolivien 2005


  - ©Weinbacher Wandervogel

  - ©Weinbacher Wandervogel

  - ©Weinbacher Wandervogel

  - ©Weinbacher Wandervogel

  - ©Weinbacher Wandervogel

  - ©Weinbacher Wandervogel

  - ©Weinbacher Wandervogel

  - ©Weinbacher Wandervogel

  - ©Weinbacher Wandervogel

Luftleere Höhen

Wie immer gibt es zwei "auf Fahrt" gehen. Einmal, wenn man sich mit der Fahrtengruppe trifft, bereit ist das Heimische hinter sich zu lassen und schon ein wenig Kribbeln im Bauch hat, ob der Dinge die da kommen mögen. Das zweite Mal ist dann das endgültig Lostippeln, das aus dem Bus, Zug, oder Trampauto Aussteigen, das das erste Ortschild hinter der ersten Kurve verschwinden lassen, das Wanderwegsymbol sehen... Der "zweite" Fahrtenbeginn ist der des richtigen Erlebens, der des intensiven Glücksgefühls völlig frei und ungebunden zu sein, nur mit den Kameraden durchs Land zu wandern. Alles was man braucht, hat man dabei, Essen, eine Karte und einfach losgehen, ins Blaue, der Blume hinterher.

So erlangte auch unsere Fahrt nach Bolivien und Peru von diesem zweiten Beginn ihre besondere Würze. Über die Inkastadt Machu Picchu, die in einem steilen fast tropischen Tal in den Stein gemeißelt wurde, sehr schön, allerdings auch sehr bekannt, sodaß wir uns den Weg himmelwärts zum Eingang mit zahlreichen Backpackern, Trekkern und sonst allen möglichen buntbekleideten Touristen aus allen Ecken der Erde teilten, nur nicht mit Peruanern.

Froh wieder abseits der Lonely Planet Route zu sein, stiegen wir einen Tag darauf in einen alten, von den vielen Anstrengungen der andenen Serpentinen gezeichneten, Bus Richtung "Nevado Ausangate" einen über 6000 m hohen Berg in den Anden zwischen eben jener Inkastadt Macchu Picchu und dem Titikakasee.

Selbst zum Ende hin erscheint der Tag endlos im Bus, immer begleitet von der traditionellen Musik des Alti Plano, dem Hochplateau, daß sich auf knapp 4000 m Höhe in der Grenzregion der drei Andenstaaten ausstreckt.

In dem sehr engen, eben eher für kleinere Personen gebauten Bus, saßen außer uns nur noch Aymaraindigenas, die in ihren typischen, farbenfrohen Trachten, den vom Wetter und Sonne gegerbten dunklen Gesichtern mit ruhigen Augen die vorbeistreichende Höhenlandschaft betrachteten. Mit ebensolcher Gelassenheit hielten Frauen ihre Waren fest, die in großen, selbst gehäkelten Decken über den weiten Röcken zusammengehalten wurden.


Auch die Kinder waren in den Tragetüchern versteckt, und während die Frauen auch noch die Kisten mit den erstandenen Hühnchen des Wochenmarktes zu versorgen hatten, waren die Männer mit Geschichten erzählen beschäftigt, oder mit dem monotonen Kauen von Kokablättern, die angeblich gegen die Kälte, Höhe und Hunger Helfen sollten.

Während wir uns so durch die karge, vom eisigen Wind zerwehte Landschaft, gelbbraune Weite kämpften und dabei die schrille Musik aus den kratzigen Lautsprechern durch uns durch pfiff, machte sich das Gefühl der nahenden einwöchigen Einsamkeit bemerkbar, schließlich war draußen, außer ein paar Feldern auf denen trockene Pflanzen vergeblich versuchten ein wenig Farbe in die Berge zu befördern und ein paar aus Ziegelsteinen selbst errichteten Häusern, nicht viel.

Als die Sonne sich immer schneller gegen den fernen Horizont bewegte, kamen wir bei dem letzten Dorf unserer Bustour an. Ein netter Peruaner zeigte uns gleich wo seine Herberge zu finden ist. Original Westernmodell, mit Holzbalkon, der auf den groben Balken des Hauses aufgehängt war. In der Weite, über den tiefen Dächern der umliegenden Häuser, konnten wir von unserem erhöhten Zimmereingang schon einmal einen demütigen Blick auf den          

Ausangate werfen, der gerade von der sich dem westlichen Rand der ewigen Hochebene zuwandernden Sonne in mildes Licht getaucht wurde.

Von der langen Busfahrt noch mit genügend Energie ausgestattet und von der friedvollen und einfach freien Stimmung des untergehenden Gestirns ermutigt, wagten wir unseren ersten kleinen Gang auf fast 4000 m. Am Ende des Dorfes waren gerade noch zwei Bewohner dabei ihre Ziegel für das Haus herzustellen, aus Lehm, Wasser und Stroh. Wir unterhielten uns ein wenig mit ihnen und so entwickelte sich eine kleine "Hilfsaktion" unserseits, wie stampften durch den braunen Matsch und merkten sehr schnell, daß das Leben hier oben zwar frei und zeitlich weitgehend stressfrei abläuft, aber eben härter, rauer und wie das Gletscherwasser auch eindeutig kälter...

Nach ein paar Minuten mussten wir mit blauen Füßen die Arbeit einstellen, wir erzeugten ein kleines Lächeln der munter Weitermachenden und ein gemurmeltes, "na ja, dann müssen wir die letzten drei Stunden eben ohne euch fortfahren!". Wir rubbelten unsere Füße wieder in den lebenden Bereich und schlenderten nun in stockschwarzer Nacht unserm Schlafplatz entgegen.


Da wir den Tag noch nichts Richtiges gegessen hatten und die nächste Woche aus Gewichtsgründen nur aus Reis und Tütensuppe bestehen sollte, entschlossen wir uns noch in die Pinte an der Plaza zu gehen, aus der uns beim ersten Vorbeilaufen kritisch ein Hahn beäugt hatte.

Der Hahn war nicht mehr da, doch als wir uns ein bißchen geschafft von der wenig nahrhaften Luft nieder ließen und ein großen Teller Fleisch vor uns auf dem nur mit einer Kerze beleuchtetem Holztisch serviert bekamen, standen bald viele kleine aus neugierigen Augen auf uns blickende Kinder um uns herum. Es war eine sehr gelöste Atmosphäre, wir zwei europäischen Wanderer, die bleichen Gesichter mit breitkrempigen Hüten überragt, herzhaftes essend, während die Kleinen uns zusahen und gar nicht mehr traurig waren, daß sie nicht weiter auf dem Dorfplatz den Fußball treten durften. Das Ganze wurde abgerundet durch die zuckende Stimmung der Kerzen, die sachte von dem herein wehenden Wind verwirbelt wurden. Leider konnten wir diesen Kulturaustausch der besonderen              

Art nicht ewig ausdehnen, schließlich wartete am nächsten Tag die erste Etappe unseres Tippels.

Wir verschwanden also im Schwarz der herein gebrochenen Dunkelheit und nach einem Gespräch, wie es sich nur auf Fahrt ereignen kann, schlossen wir die Augen, nahmen einen letzten bewußten Atemzug der klaren, dünnen Andenluft und träumten von den Dingen die da kommen mochten.

Kristallblau weckte uns der Morgen und kurz darauf hatten wir das kleine Örtchen Tinqui hinter uns im Tal gelassen.

Es setze genau dieses "zweite auf Fahrt sein" ein, wie im Rausch nahmen wir jeden Schritt locker und leicht, obgleich uns die kristallblaue Luft eigentlich nicht die Energie gab. Vor uns tat sich die mächtige Steilwand des Vulkans auf wie eine zu kitschig geratene Leinwand eines Heimatfilmes, mit seinen von Gletschern verwalteten Flanken, dem eindrucksvollen Gipfelgrad, der die umliegenden Sechstausender aussehen ließ, wie demütige Schüler vor ihren den Rohrstock schwingenden Lehrer.


Zur Seite erstreckte sich ein breites scheinbar nur vom Horizont begrenztes Tal, in dem die Aymara dem harten Klima Nahrungsmittel abzuringen versuchten, die eckigen Felder zeugten von diesem Bemühen.

Den Tag ging es immer bergan, dem gewaltigen Massiv zu, weiter, höher ins Tal hinein, dem Paß entgegen, den wir bei der darauf folgenden Etappe ersteigen wollten. Gegen Abend erreichten wir eine Ansammlung von sich in die Felsen schmiegenden Hütten und wir erreichten unser Lager.

Die Nacht war so kalt, dass die am Kopfende liegende Flasche am nächsten Morgen durchgefroren war, zum Glück hatte uns dieses Schicksal nicht ereilt, allerdings waren wir auch schnell wieder auf den Beinen, den erstens mußten wir noch über den 5000 m hohen Jampapass und da es dort oben außer viel Wind und wenig Luft kein Wasser gab, war wohl oder übel noch ein Abstieg zu bewältigen. Mit bedächtigen Schritten begannen wir das Vorhaben und schon nach wenigen Metern hatte uns wieder die erschlagenden Größe der Bergwelt verzaubert.

Wir tippelten jetzt durch ein immer enger werdendes, stetig ansteigendes Tal und so wurden die Eispanzer immer bedrohlicher und einengender. Sie übten eine dermaßen unbeschreibliche Würde und Erhabenheit aus, daß wir uns im Schatten derer zu fast andächtigen Pausen hinreißen ließen, um uns gegenseitig zu erinnern, wo wir gerade waren. Mit uns waren immer nur ein paar Lamas, die zwischen den grauen Steinen nach verwertbaren Grassbüscheln suchten und die ganze Szenerie mit ihren Spielchen weit weniger beachteten, als wir beide nach immer mehr Luft japsenden Europäer.

Gegen Ende des Tages war auch nicht mehr viel von dem anfänglichen Bestaunen der Berge vorhanden, es war ein einziger Kampf gegen sich selbst, gegen die immer lauter rasselnden Lungen, die von Schritt zu Schritt verzweifelter nach Sauerstoff schrieen. Man kämpfte sich von Fels zu Fels, von immer länger werdenden Pausen unterbrochen. Die einen zur Bedeutungslosigkeit verdammenden Gipfel schauten nur müde aus immer später werdenden Flanken auf uns herab.


Die Sonne stand schon rund über dem Horizont, als wir endlich uns zum Foto neben ein paar, den Grad markierende Steinblöcke, postieren konnten. Leider ließen uns die äußeren Umstände, der späte Nachmittag und die eisigen Winde, die dort oben ganz ungehemmt mit aller Macht zeigten, daß wir als kleine Menschen zwar uns selbst besiegt, aber noch lange nichts mit wahrer Kraft zu tun hatten, nicht lange verweilen.

Wir saugten nur kurz den Moment in uns auf, die nun in sanfte Rottöne getauchten Abhänge blickten zwar verführerisch drein, aber wir waren uns voll bewußt, daß wir nach diesem Tag nach viel grundlegenderen Bedürfnissen lechzten, als dem Anblick dieser ohne Zweifel einmaligen Kulisse.

Wegen der Nähe zum Äquator fiel die Sonne geradezu vom Himmel und wir mußten schon fast bergab rennen, um

noch bei Dämmerlicht soweit abzusteigen, dass ein Wasser führendes Flüßchen uns einen Lagerplatz bieten konnte. Die nahende bleischwere Nacht ließ uns für kurze Zeit die Entbehrungen und Anstrengungen des Marsches vergessen.

Als wir allerdings am erquickenden Bach unserer Zelt aufgeschlagen und etwas Warmes zwischen unsere von der Sonne verplatzten Lippen geschoben hatten, merkten wir, wie unsere Körper während dieses Tages beansprucht worden waren.

Tiefe Erschöpfung bat einfach nur noch um Schlaf, und so ließen wir unsere geschafften Leiber in die Schlafsäcke sinken, mit dem festem Wissen, daß das Erlebte uns für immer verbinden wird.

Daniel

[Fotos]

Zurück oder StartFahrten2005  


© 2001 - 2012 Weinbacher Wandervogel (Impressum), Kontakt: bund@weinbacher-wv.de, Letzte Änderung: 2011-07-28 10:30

Wintertippel 2004 - ©Weinbacher Wandervogel