... und immer eine Hand breit Wasser unterm Kiel – Faladotörn Sommer 2001


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Extraloge Falado

Der vorletzte Tag geht zu Ende. Langsam nähert sich die untergehende Sonne der fernen Linie zwischen Himmel und Meer und beginnt ihr farbenträchtiges Bühnenstück. Die Kulisse verzichtet heute auf dicke Wolken, die dieses Schauspiel am Horizont nur stören würden. Extraloge Falado: Schiff und Meer werden in leuchtend warme Töne getaucht. Die Gesichter der Mannschaft an Deck, Takelage, Mast und Segel, alles scheint goldgelb in einem Spiel aus Licht und Schatten. Im Einklang von Form und Farbe fährt die Falado so dem nahenden Abend entgegen, schaukelt auf und ab auf einer Welle, die kaum mehr erahnen läßt, was der zurückliegende Tag geboten hat. Unsere Blicke wandern wieder über das Wasser, ziellos, doch ruhig, durchzogen von Gedankenfetzen der letzten Stunden.

Die Fahne, die wir zu Fahrtbeginn oben am Fockmast gehisst hatten und die bis heute morgen noch so stolz flatterte, ist nur noch halb vorhanden, mit tiefen Rissen. Breitbeinig zwar, denn noch immer geht es auf und ab, aber entspannt stehen wir vorn im Klüverbaum. Noch vor einer Stunde wäre ein Gang in den Klüverbaum lebensgefährlich gewesen. Der Skipper hat den alten Dieselmotor angeschmissen, und wir steuern auf den äußerst linken Punkt jener Insel zu, die sich vor ein paar Minuten als schwarzer Strich vor uns aufgetan hat. Äußerst links, denn da muß laut Karte der kleine Hafen liegen, wo wir die Nacht verbringen wollen.


Dramatischer Höhepunkt

Der Tag begann in Helsinki, jenseits des Finnischen Meerbusens, den wir heute auf unserem turbulenten Rückweg nach Estland nun zum zweiten Mal gekreuzt haben. Beim ersten Mal, vor vier Tagen, fuhren wir bei überwiegend lauem Wind und sogar einigen Flauten, so wie die Tage zuvor entlang der estnischen Küste. Doch Wind und Wetter hatten seitdem zugenommen, und als wir vorgestern auf unserem Weg nach Helsinki aus dem Schutz der finnischen Schärenküste, die wir anderthalb Tage lang durchfahren haben, wieder herausgesegelt waren, hatte uns bereits eine ordentlich rauhe See in Empfang genommen und über Stunden kräftig geschüttelt und war der Regen auf das Deck geprasselt. Wir hatten also von Flaute, Spiegel und Sonne bis Wind, Seegang und Regen von allem gekostet auf diesem Törn, waren somit auch wettererprobt und wußten, daß ein Segelboot schaukeln und eigentümlich blassen Farbschattierungen auf dem Gesicht so manchen Leichtmatrosens verursachen kann. Dennoch sollte sich heute noch einmal Prägendes ergeben: dramatischer Höhepunkt zum Fahrtenende.

Vielleicht mögen sieben bis acht Windstärken nichts Ungewöhnliches sein auf hoher See. Und wahrscheinlich lassen die Wellen, denen wir heute getrotzt haben, den Kapitän eines jener Frachter, die zum Teil in unmittelbarer Nähe hier draußen unseren Kurs gekreuzt haben, gerade mal sein Wasserglas vom Rande in die Tischmitte rücken. Doch für uns, die wir ja alle das erste Mal auf einem kleinen Boot das Meer befahren, wurde es zu einem unvergeßlichen Abenteuer. Die Dimensionen, die man im Sonnenschein so leicht zu vergessen droht, wurden jäh zurechtgerückt. Und die Falado, die uns am ersten Tag noch so groß vorkam, ist mit dem heutigen Tage vielleicht nicht zu einer Nußschale, aber doch auf Ihre wahre Größe geschrumpft:

Abwechselnd wurde sie hoch aufgeworfen von anrollenden Wellen, um im nächsten Moment tief abzufallen und aufzuschlagen. Nicht wirklich regelmäßig, nicht berechenbar, sondern wild und toll. Die Gischt spritzte dann über Deck und uns in die Gesichter, uns, die wir dichtgedrängt auf dem Achterdeck kauerten. Lebensgefährlich wäre ein Gang über das rutschige Deck gewesen ohne sich dabei mit aller Kraft festzuhalten – man wäre geradewegs über Deck geworfen worden. Achtern ließ es sich gut aushalten, naß zwar und ständig irgendwo festhaltend, aber begeisterter Stimmung (zumindest wer nicht seekrank war). Kaum auszuhalten war es hingegen unter Deck. Da, wo Töpfe und Tassen in den Staufächern der Kombüse schepperten und wo alles, was nicht befestigt wurde, sofort auf dem Boden landete; wo man weder gehen noch stehen noch in den meisten Kojen liegen konnte, ohne sich festzuhalten; wo man das Wasser auf der anderen Seite der hölzernen Bordwandplanken rauschen hörte und zusehen konnte, wie es durch die Fugen drückte, um sich in der Bilge zu sammeln; wo man das heftige Schwanken des gesamten Schiffes weniger zu sehen, als es vielmehr zu spüren bekam, zunächst in der Magengegend und schließlich im Schlund. Selbst die Hartgesottenen drängte es nach wenigen Minuten stets wieder nach oben, wo die erfrischende Brise ging und wenigstens der Horizont einen ruhenden Halt für das Auge bot. Mit geballten Segeln neigte sich die Falado zuweilen so stark nach Lee, daß das Meerwasser kräftig über die Reling spülte.


Von der Idee

Draußen auf offenem Meer, der Welt entrückt, ist das Schiff, die Falado, Mitte allen Geschehens. Ein eigener Mikrokosmos, in dessen engen Grenzen sich im Rhythmus aus Backschaft, Ruder- und Freiwache vorübergehend alles Leben abspielt. Ob in der Enge unter Deck, wo selbst der Blick nicht das Schiff verläßt, oder oben auf Deck, wo er die von Tuch und Takelage umhüllten Masttürme absucht und anschließend in die unbeschränkte Ferne schweift. Hier wächst der Zusammenhalt der Crew. Und besonders in jenen plötzlichen Momenten des Segelsetzens, -einholens, Wenden oder Halsens, in denen alle auf einmal anpacken müssen, zügig und auf Kommando – in der sich der eine mit aller Kraft gegen den Wind in die Trosse wirft, während der andere schnell die Klampe belegt – ist das Zusammenspiel der Crewmitglieder unmittelbar. Und nach und nach, wie das Gesicht eines Menschen, das ein anderes ist, wenn man ihn näher kennenlernt, bekommt auch das Schiff ein neues Gesicht, eines, das hinter dem ersten Eindruck liegt und tiefer wirkt.

Das Segeln, zudem auf so einem kleinen, urigen Traditionsschiff, ist genau das richtige für eine bündische Gruppe. Hier kann eine Gruppe sich selbst erleben, kann wunderbare Stunden und Tage verleben. Die Bewährung liegt sicherlich im beherzten Anpacken an Bord, im Kopfobenhalten und Lachen bei Regen und Sturm oder auch im Erklettern der schwankenden Obermarsrah. (Und wie ich finde, haben wir "Landratten" uns da ganz gut geschlagen). Zugegebenermaßen hatten wir Glück, denn nicht jede Crew kommt in den Genuß von solch Wind und Wetter wie wir. Ärgerlich zwar, wer es verpaßt. Aber Segeln auf der Falado ist noch etwas mehr.

Es ist, die Weite und die Gewalt des Meeres zu erkennen, das zusammen mit dem Wind hier draußen das Sagen hat. Nicht von der Reling einer Autofähre, sondern von den einfachen Holzplanken eines kleinen Segelschiffes. Und es ist, wenn auch nicht ganz so tollkühn wie Columbus, dieses Meer mit letztlich einfachen Mitteln zu befahren. Nicht auf einem Sportsegler mit ausgefeilter Technik, sondern auf der "alten Falado", in deren Rumpf es bei jeder Bewegung ächzt und knarrt und die über die Jahre vielleicht doch eine Art Seele bekommen hat. Segelfreizeiten gibt es viele, auf der Falado aber lebt der bündische Geist. Und wer die Falado nach einem Törn als Crew verläßt, ohne sie wenigstens ein Stück weit als "unser Schiff" zu betrachten und sie nach den Augen aus dem Sinn verliert, der hat doch letztlich auch nur konsumiert. Schön preiswert.

Hierin besteht wohl die "Idee Falado". Und es ist an der jeweiligen Crew, diese Idee auch zu leben. Dazu muß sie verstanden sein. Dann unterscheidet sich ein Falado-Törn nicht nur durch das wunderschöne, rustikale Schiff, das mit seinen Rahen in jedem Hafen eine kleine Attraktion darstellt, nicht nur durch den Kostenbeitrag, der auf großen Schulsegelschiffen für jeden Teilnehmer mindestens das zehnfache beträgt, und nicht nur dadurch, daß wir Pfadfinder, Wandervögel oder sonstwie heißen.


Abklang

Für uns war es wichtig, eine Fahrt zu machen und nicht nur eine Segelfreizeit. Das Gruppenleben an Bord war, so wie sonst, feine Weinbacher Art. Und es war eine Freude, alle Fahrtenteilnehmer so zu erleben und besser kennenzulernen, jeden auf seine Art. Die Fahrt ist nun fast zu Ende. Mit dem Zug wird es wieder zwei Tage lang über Riga und Warschau nach Hause gehen.

Und wenn auch der Weg von Frankfurt nach Kiel weit ist für ein Wochenende, mindestens ein Arbeitseinsatz an der Falado im Winter oder Frühjahr wird uns selbstverständlich sein. Denn wenn wir morgen in Tallin die Falado verlassen, wird es "unser Schiff" sein.


Christoph Marschall


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Siehe auch: Sturmfahrt vor Finnland

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