Kalte Nacht am Aoos   –   Griechenland Sommer 2000


  - ©Weinbacher Wandervogel

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Wir haben vorgestern die Eselspfade in den Bergen verlassen und sind ins Aoostal abgestiegen. Seit gestern lagern wir nun hier und wollten eigentlich heute weiterziehen, doch Thomas ist gesundheitlich nicht wohlauf. Und weil es ihm auch heute noch immer nicht besser geht, will Andreas in Konitsa Medikamente und das dort abgestellte Auto holen gehen und bis zu der in der Karte ein Stück weiter flußaufwärts eingezeichneten Straßenbrücke bringen. Beim Frühstück wählt er Arian und mich als seine Begleiter aus. Bis zum Abend wollen wir wieder zurück sein, deshalb sollen die, die mitkommen, gut zu Fuß sein. Ich habe mich gemeldet, weil es so nicht langweilig werden kann, und wir später vielleicht trampen oder Autobus fahren werden.

Um 11 Uhr brechen wir mit zwei leeren Affen auf, in denen wir auf dem Rückweg Brot und neue Lebensmittel mitbringen wollen. In den nun folgenden 2 1/2 Stunden überqueren wir den Aoos etwa 7 oder 8 mal, manchmal an ruhigen, aber öfters auch an reißenderen Stellen. Wenn es gar nicht anders geht, klettern wir über Uferfelsen um nicht die Seite wechseln zu müssen. Wir haben eigentlich gehofft, nach etwa einer Stunde die Straße zu erreichen. Aber der Fluß macht so viele Kurven und der Weg zieht sich in die Länge. Außerdem ziehen wir jedesmal, wenn wir durch den Fluß gehen die Schuhe aus, und manchmal müssen Arian und ich uns auch ganz ausziehen, weil das Wasser so tief ist, das alles naß werden würde.


Irgendwann zeigt Andreas auf eine mit großen Olivenbäumen bewachsene Wiese auf der anderen Flußseite. "Dort sind Felder, und dort muß dann wohl auch ein Weg sein. Wir gehen noch bis hinüber und machen dort eine Pause!" Tatsächlich gibt es einen kleinen Trampelpfad, aber leider keinen Fahrweg. Wir verzichten erst mal auf eine Pause und laufen im Schatten der großen Bäume noch ein Stück weiter, dann hören wir es plätschern und kommen zu einem kleinen Bach. Dort rasten wir dann doch erst mal und trinken etwas. Nach dieser Erfrischung geht es wieder besser vorwärts und eine gute halbe Stunde später erreichen wir die Straße. In der Karte war eine Brücke eingezeichnet, und ich scherze noch mit meinen beiden Kumpanen: "Die Brücke ist bestimmt nicht mehr da!" So ist es dann tatsächlich.

Die Straßenbrücke war wahrscheinlich bei dem Frühjahrshochwasser eingestürzt. Und nun sind Bauarbeiter mit großen Maschinen dabei, eine neue zu bauen. Die Autos müssen derweil eine recht breite         

Furt benutzen. Wir gingen zu den Bauarbeitern und fragten, ob sie uns helfen könnten, rasch nach Konitsa zu kommen. Wir müssen uns erst einmal setzen und bekamen einen kalten Neßkaffee zu trinken und Zwieback zum essen.

Nach einer Weile fährt uns dann einer der Arbeiter mit seinem Pickup über die eine richtige Rumpelstraße etwa 5 Kilometer die Berge hinauf bis zum nächsten Dorf. Dort lädt er uns erst mal zu einer Limonade ein. Der Wirt in dem Kafeneon sagt uns, daß auf dieser Strecke kein Bus fährt, bietet uns aber an, uns für eine unverschämte Geldsumme nach Konitsa zu fahren. Was bleibt uns übrig, wir willigen ein und so fahren wir los. Dort angekommen kauft Andreas in der Apotheke Medikamente und dann gehen wir in verschiedene Läden um noch Lebensmittel einzukaufen. Da wir aus Zeitgründen nicht richtig essen gehen wollen, kaufen wir für uns Brot, Joghurt und Pfirsiche und essen es in aller Eile auf.


Wir wollen mit dem Wagen in den Bergen oberhalb des Aoostals noch einen Waldweg ausprobieren und schauen, ob wir so näher an unseren Lagerplatz kommen. Anfangs ist der Weg auch ganz gut befahrbar, dann aber nach etwa 3 Kilometern liegen manchmal große Steine auf dem Weg und dann versperrt ein offensichtlich gefällter Baum den Weg. Andreas packt die Bügelsäge aus und beginnt den Stamm durchzusägen, aber irgendwann bleibt die Säge stecken. Bei dem Versuch sie wieder frei zu bekommen bemerken wir einen Waldarbeiter, oben auf der Böschung über uns. Er kommt zu uns herunter und zersägt den Baum und macht so den Weg wieder frei. Aber er sagt uns auch, daß wir auf diesem Weg nicht weit genug hinunter zum Fluß fahren können, und richtig,schon nach einem weiteren Kilometer ist der Weg von einem Erdrutsch versperrt. Wir gehen zu Fuß weiter, kehren aber nach einer Viertelstunde wieder um,        

weil der Weg wirklich nicht weiter ins Tal geht, sondern sich am Hang entlang zieht.

Als wir endlich wieder an der Brückenbaustelle ankommen und unseren Wagen dort abstellen, haben wir viel Zeit verloren. Hoffentlich kommen wir noch vor dem Einbruch der Dunkelheit bei den Anderen an. Wir nehmen den alten, schon bekannten Pfad und stellen fest, daß er noch ein ganzes Stück weiter dem Fluß entlang führt. Dann aber schwenkt er ab in die Berge und wir müssen wieder am Ufer entlang gehen und hin und wieder wie beim Hinweg die Seite wechseln. Das langsame Heraufziehen der Dämmerung läßt uns schneller laufen und wenn wir durchs Wasser gehen, ziehen wir die Schuhe nicht mehr aus. So kommen wir viel schneller voran, haben auf dem steinigen Untergrund des Flusses viel besseren Halt, und stellen dabei fest, daß man auch mit nassen Schuhen gut laufen kann.


Wieder überqueren wir den Aoos fast 10 mal. Mitgezählt hat aber niemand. Das ist, wie sich bald herausstellen wird, recht ärgerlich. Inzwischen ist es völlig dunkel und wir halten uns beim Gang durch das Wasser immer an den Händen, so kann man sich gegenseitig abstützen und kommt recht schnell vorwärts. Arian ist es manchmal unheimlich, wenn wir am Ufer und auf den Sandbänken an den dunklen Büschen vorbei müssen. Manchmal sehen wir noch unsere Fußspuren vom Vormittag, dann aber kommen wir an eine Stelle, an der Aoos richtig schäumt und zwischen Felsen hindurch gurgelt. Hier können wir nicht hinüber, und weiter geht es auch nicht, denn vor uns sind schroffe Felsen. Was also tun?

Keiner von uns weiß wo wir uns gerade befinden, an diese Stelle erinnert sich niemand. Es ist inzwischen völlig dunkel und da sieht sowieso alles anders aus, sofern man überhaupt noch etwas sieht, denn es scheint kein Mond. Wir müßten wieder ein ganzes Stück zurück und an einer ruhigeren Stelle auf die andere Flußseite wechseln. Aber ob wir in der Dunkelheit dort den Weg finden werden? Und da wir nicht genau wissen wo wir sind, wissen wir auch nicht, wie weit es noch bis zum Lagerplatz der anderen ist. Es kann sein, daß es bis dahin nur noch ein kurzes Stück ist, das ist sogar wahrscheinlich, aber es kann auch sein, daß wir noch eine Stunde laufen müssen. "Jungs, wir werden wohl hier bleiben müssen, alles andere ist zu risikoreich!" sagt Andreas, "das ist was ganz neues, in den Bergen ohne Schlafsack übernachten, das habe ich auch noch nicht gemacht." Wir beraten kurz was weiter zu tun ist. Wir entscheiden uns für die sichere Variante und wollen die Nacht hier zwischen den großen, mannshohen Felsen verbringen.

Schlafsäcke haben wir keine dabei, auch keine warmen Sachen, wie Pullover oder        

so. Glücklicherweise hat Andreas noch trockene Streichhölzer. Damit entfachen wir mit dem vielen trockenen Treibholz ein Feuer. Andreas trägt einen ganzen Berg Holz zusammen, auch recht dicke Stämme sind darunter, es wird also kein Problem sein, das Feuer die Nacht über in Gang zu halten. Zwischen einem großen Felsen und dem Feuer legen wir uns hin. Es ist ungemütlich, weil man sich wegen der großen Steine nicht richtig ausstrecken kann und es auf einer Seite immer richtig heiß und auf der anderen Seite eisig kalt ist. Immerhin sind wir ja recht weit oben in den Bergen. Auch die Schuhe sind völlig naß und trocknen nur langsam. So liegen wir barfuß, nur mit Lederhose und dünnem Hemd bekleidet auf dem kalten Sand. Keiner von uns kann richtig fest schlafen, man schläft immer nur mal für eine halbe Stunde ein. Dann irgendwann in der Nacht kommt Andreas auf die Idee, noch ein zweites Feuer anzuzünden. Holz ist ja genug da. Wir verlegen unseren Schlafplatz ein Stück und dann brennt ein Feuer rechts und eines links von uns. Nun ist es von beiden Seiten warm und man kann etwas besser schlafen.

Um halb 5 wird es wieder hell. Was für eine Freude! Endlich ist die Nacht vorbei, sie schien mir gar nicht enden zu wollen. Wir gehen wieder ein Stück zurück, wechseln an einer ruhigen und flachen Stelle über den Fluß und stellen fest, daß der Lagerplatz der anderen nur 15 Minuten entfernt war. Ärgerlich! Aber jetzt sind wir ja glücklicherweise wieder da. Mein Gott, das war vielleicht eine Nacht! So etwas hat noch keiner von uns erlebt! Die anderen schlafen zu dieser frühen Morgenzeit noch tief und fest. Leise legen wir uns in unsere Schlafsäcke. Was für ein tolles Gefühl! Hoffentlich können wir nun noch ein paar Stunden schlafen.



Michael

[Fotos]




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© 2001 - 2012 Weinbacher Wandervogel (Impressum), Kontakt: bund@weinbacher-wv.de, Letzte Änderung: 2011-07-28 10:30

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