Backfisch macht Jagd auf Bakschisch – Marokko Ostern 1998


Das Fladenbrot bricht ungleichmäßig unter der Gewalt meiner Hände. Sie reißen es weiter noch in kleine Stückchen, um diese dann zu falten und, zwischen Daumen und Zeigefinger genommen, mit ihnen ein Häppchen Couscous samt der Sauce und des noch dampfenden Gemüses zu ergreifen und es mir von oben herab in den gierig geöffneten Rachen zu stecken.

Mal um Mal greift meine Rechte zu dem lukullisch angerichteten Tonteller. Er befindet sich in der Mitte des flauschig geknüpften Teppichs, auf dem ich im Schneidersitz Platz genommen habe. Die weiße Gandura verhüllt meine Gestalt und läßt nur an den Stellen, wo der edle Stoff ausgebeult ist, erahnen, wo sich meine Knie befinden. Über meine linke Schulter hängt das Ende das indigofarbenen Turbans, welcher mein sonnengebräuntes Gesicht in delphische Schatten hüllt. Ich bin barfuß, die handgefertigten Sandalen habe ich am Eingang des Raumes abgestellt neben die Fußbekleidung der anderen Anwesenden.

Um die Speiseplatte herum sitzt ein junges Ehepaar, aus der Provence stammend, wie es ihr Dialekt unschwer erkennen läßt. Auch sie greifen gerne in die Mitte, um unter gemeinsamem Lachen die orientalischen Gaumenfreuden zu genießen. Zu meiner Linken sitzt ein Mohr, ihm gehört jenes Geschäftsgebäude, in dessen Nebenraum wir uns vergnügen. Daß er wohlhabend ist, drückt er durch reichlich Schmuck an Armen und Händen und ausgesuchten Stoffen am Leibe aus. Das Essen, wie auch den dazu gereichten Tee, brachte ein marokkanischer Junge, er hockt, wenn auch etwas abseits, ebenfalls in der fröhlichen Runde.

Wir erzählen uns Geschichten beim weiterem Teetrinken und fragen uns gegenseitig über unsere Herkunft und Kultur aus. Schließlich bin auch ich an der Reihe und erkläre, was mich hierher verschlagen hat und wie es mir bereits ergangen ist:


Wir kamen von Merzouga und hatten die Pest an Bord – nun ja, einige meiner Kompagnons traf der Fluch des flotten Otto. Also wollten wir für zwei Tage Lager auf einem Campingplatz beziehen, damit sich die Gebrandmarkten von jenem mißlichen Leiden erholen konnten. Trotz eines Swimmingpools konnte der Camping aber unsere Aufmerksamkeit nicht für lange gebannt halten und folglich pilgerten wir verschont gebliebenen, frisch als Tuaregs verkleidet, in das nahegelegene Städtchen Agdz.

Nachdem die Touristenhaie aus Merzouga uns all die Kleidung, Fossilien und sonstigen Schnickschnack zu unverschämten Preisen aufgenötigt hatten, wollten wir es den hiesigen Bauernfängern und Kamelverkäufern mit gleicher Münze heimzahlen. Ich für meinen Teil wollte eine dämliche Versteinerung, die ich mit großen Augen am Anfang der Fahrt erworben, dem nächstbesten Grünteeschlürfer aufschwatzen.

Da ich jedem Marokkaner, selbst dümmlich und erbärmlich aussehenden Burschen, die mir ihrerseits ihr Gelump andrehen wollten, versuchte, den Tand unterzujubeln, verließen mich meine Genossen bald in der Hoffnung, ihr Glück in halbseidenen Verkaufsbuden zu finden.

Auch ich wollte nach einer Reihe erfolgloser Versuche die kühle Luft eines der zahlreichen Geschäfte schnuppern. Nachdem mir der Besitzer, piratengleich sah er aus: das eine Auge befremdlich zugekniffen, das andere von einer schwarzen rechteckigen Augenklappe bedeckt, die spröden Lippen überschattet von einem derben, weit ausladenden Schnauzbart und das rechte Bein unnatürlich geknickt nach sich ziehend, seinen gesamten Bestand erwartungsvoll vorgeführt hatte, konfrontierte ich ihn mit dem Umstand, daß ich keinen müden Dirham mehr besaß. Seine enttäuschte Miene hellte ich in der Weise auf, als daß er über mein Angebot des Fossils müde lächeln mußte. Trotzdem beeindruckte ihn meine Beharrlichkeit derart, daß er mir anbot, falls ich denn so dringend Geld brauchte, doch für ihn zu arbeiten. Die Offerte bestand darin, daß ich nach Touristen in der Umgebung Ausschau halten und sie, in der Kleidung, in der ich war, ansprechen und überreden sollte, sein Geschäft zu besuchen. Mein Lohn sollte 10% der Einnahmen betragen. Er gab mir daraufhin noch eine Einführung in die hiesigen Anmachtechniken mitsamt Armumlegen und "Nur gucken, nix kaufen"–Sprüchen.


Mit diesem Handwerkszeug ausgestattet, verließ ich Meister und Laden mein Glück zu wagen und begann, nach Beute Ausschau zu halten. Auf der Veranda eines Cafés erspähte ich sie schließlich an einem Tisch sitzend und getreu der touristischen Maxime heimisches Gebräu schlürfend. Leisen Schrittes pirschte ich mich heran an meinen Fang. Ein gieriges Blitzen aus den Tiefen des fast mein ganzes Gesicht verhüllenden Turbans verriet meine bösen Absichten.

Eine schwungvolle Verbeugung, und ich hatte mich zwischen zwei der Fremden plaziert. Elaboriert fing ich auf Französisch an, von Englisch ging ich zu Deutsch über und nach dem Italienischen landete ich schließlich beim Spanischen, stets fragend, woher die erlauchte Gesellschaft denn käme, und ob sie nicht lustig wäre, dem wundervollen Geschäft nebenan einen auch nur flüchtigen Besuch abzustatten, selbstredend ohne die geringste Verpflichtung, auch nur das Echo des Klanges einer Münze dort zu lassen. Doch ach, die Spanier sind ja auch ein südlich Volk und mit den Gebräuchen der Nepper nur allzugut vertraut. Daß sie alles andere als zimperlich mit aufdringlichen Geschäftetreibern umgehen, merkt' ich erst recht, als ich mich im höflichsten Ton an Bärte tragende, spanische Motorradfahrer wandt' ...

Unentwegt bot ich einem ach so hilflos umherstehenden japanischen Mädchen mein Kleinod an. Mit einem Lächeln lehnte sie dankend ab. Weil sie aber gut französisch sprach und in meinem Alter war, unterhielten wir uns eine Weile auf der Straße. Indes umkreiste uns ein marokkanischer Juvenil, der uns schließlich ansprach und zum Tee einlud.

Das Teetrinken wurde zu einer Verkaufsverhandlung, in der der triebgelenkte Jüngling versuchte, mir die fernöstliche Schönheit mit Kamelen abzukaufen. Als er begriff, daß das Mädchen weder mein Eigentum, noch käuflich zu erwerben war, bot er ihr an, sie mit zu sich nach Hause in die Wüste zum Abendessen mitzunehmen. Daraufhin hatten wir beide einen wichtigen Termin und ließen den angehenden Casanova allein mit seinen unbefriedigten Neigungen.

Alsbald stießen die französischen Freunde der Japanerin zu uns, und sie ließen sich bereitwillig breitschlagen, das Geschäft meines Arbeitgebers nach sinnvollen Souvenirs zu untersuchen. Fast kam ich mir grausam vor, als ich mit ansehen mußte, wie dieses junge Volk so gnadenlos übervorteilt und einer Weihnachtsgans gleich ausgenommen wurde. Ein Glück, die Profitgier ließ jegliche moralischen Bedenken als lächerliche, zu überwindende Schwächen dünken. Und so ward die Schar selig gemacht. Beladen mit kostbaren Pretiosen, dafür überflüssiges Gewicht in der Geldbörse endlich losgeworden, schritten sie hochgemut über die Türschwelle aus einem Laden wohlmeinender Gönner in die kalte, profitorientierte Welt des Eigennutzes.


Auf diese Weise machte ich meinen ersten Reibach. Die Gruppe überließ ich ihrem ungewissen Schicksal und schickte mich an, zu meinem Vergnügen mich in meinen Gewandungen den Bewohnern zu präsentieren und auf ihre Reaktionen zu achten. Als ich mich auf dem Markt unter den vielen Menschen tummelte, schenkte mir keiner besondere Aufmerksamkeit. Auch als ich vor den Touristenläden flanierte, wurde ich nicht angequatscht, ja ich hörte kein einziges Mal den Satz "Guck mal, Achmed, sieh mal da: Mann aus Alemannia." Also fand ich mich in einem dieser Geschäfte ein, um dem Gespür der Kerle auf den Zahn zu fühlen. Doch daß ich in solcher Kleidung ein solches Etablissement aufsuchte, erschien den Betreibern doch derart merkwürdig, daß sie aufmerksam wurden und nach einem Blick in meine Augen erkannten, welcher Herkunft ich war. Es amüsierte sie aber, wie ich mich zu verkleiden wußte, und so forderte mich der Besitzer auf, mit ihm gemeinsam zu speisen.

Hier sitze ich nun und der Besitzer ist er, der Schwarze. Noch lange schlürfen wir Tee, noch lange erzählen wir uns Anekdoten und noch lange werden wir herzlich darüber lachen.


Freddy

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