... und runter bis nach Afrika – Marokko Ostern 1984


Wie schon manches andere Mal ist die Verlockung Marokkos einfach zu groß gewesen, sitzen wir wieder im Auto und warten, daß der nördliche Zipfel Afrikas näherkommt – es dauert lange, sehr lange. Im Süden von Spanien ziehen wir uns die kurzen Hosen an, lassen uns den lauen Wind um die vom langen Winter gebleichten Beine wehen.

Es ist schön, an Ostern in Marokko zu sein, wenn sich bei uns der Frühling nämlich erst zaghaft ankündigt, wenn der Wald von weitem noch kahl und schwarz scheint, man nur bei ganz genauem Hinsehen eine Knospe erspäht, dann also haben sich in Marokko die jungen Blätter dieses Jahres längst entrollt, sind schon gar nicht mehr klebrig, die Täler im Norden scheinen vor Grün überzulaufen. Es ist die einzig wirklich bunte Zeit dieses Landes, im Sommer verdörrt alles unter der ewig brennenden Sonne, es bleibt nichts, was im Winter das staubige Bild aufmuntern könnte. Vielleicht hier im Norden mag auch um die Weihnachtszeit ein wenig von dem grünen Hoffnungsschimmer bleiben, an Ostern jedenfalls, wenn der Regen fällt und milde Temperaturen herrschen, dann bricht der Boden überall auf, da ist das grüne Leben von nichts mehr zu halten, und ein Tal ist schöner und festlicher als das andere – unsere Augen sind groß, als wir diese Gegend durchfahren.

Meknes, die schönste der marokkanischen Königsstädte wie ich finde, ist dagegen trotzdem ernüchternd, moslemische Geschäftigkeit, viele neidische Blicke auf uns, die reichen Touristen, die für drei Wochen die ärmlichen Verhältnisse Marokkos als Fahrtenromantik erleben.

Viel schlimmer noch in Marakesch, wo jeden Tag ein paar tausend Europäer durchstiefeln, die halbe Stadt vom Geld dieser Leute lebt, von Souvenirs, vom "Sehenswürdigkeiten zeigen" oder vom Klauen. Hier überlebt der, der aus seinen Fähigkeiten viel Geld macht, wer wird angesichts dieser Perspektive noch europäische Maßstäbe anlegen und nach gut und böse fragen – hier ist es wohl wahr, was nutzt und richtig, was satt macht. Daß wir in Meknes bei alten Freunden Berge von Couscous verdrücken, im alten türkischen Dampfbad den Dreck vom Leibe schwitzen, in Marakesch beim Patre, der letzten christlichen Bastion Marokkos, die Osternacht verbringen und auch die Wächter eines dortigen Orangenhaines sich freuen, uns wiederzusehen, tröstet mich nur wenig über diese unangenehme Situation hinweg.



Weiter im Süden, im Atlasgebirge, liegt plötzlich etwas in der Luft, treiben uns trockene Winde Sand und Staub in die Augen, liegen Dörfer wie Flecken auf grauem und rotem Tuch. Es sieht fast niedlich aus, das strahlend weiße Minarett einer jeden Siedlung zwischen den grauen Lehmhütten, hingestreut die paar Dörfer in ein langes Tal, es scheint, als wären sie eine sichere Trutzburg gegen die drohende Einöde.

Ein bißchen Verlockung steckt für mich, einem Kind unserer technisierten und im Wohlstand lebenden Nordwelt, schon in diesem Bild, materielle Bedürfnisse auf ein Minimum zu reduzieren, zu merken, wo Glück wirklich verborgen liegt, anzubauen, zu ernten, nicht von Lohnarbeit zu leben, die nichts mit mir zu tun hat. Nun, da mache ich aber wohl aus der Not eine Tugend, die Menschen hier sind deswegen nicht glücklicher als wir. Betroffen macht mich allerdings, daß sie meinen, unsere Daseinsform sei die ideale, die anzustrebende, ohne daß sie den hohen Preis unseres Wohlstandes sehen. Aber ich glaube fast, hier treffen zwei Welten aufeinander, von der die eine die andere nie ganz verstehen wird.

Hinter dem Atlas verlassen wir dann die Geborgenheit einer mitteleuropäischen Landschaft, die schroffen Gebirgszüge im Rücken, liegt vor uns eine nicht enden wollende Einöde, wo alle Tage gleich vergehen, die Sonne ihr mörderisches Regiment führt, wo es schon 6 Jahre nicht mehr geregnet hat. Es ist für mich jedesmal wieder ein kurzer Schreck, in diesen Landstrichen zu stehen, egal in welche Richtung loszustapfen, nichts zu hören als die eigenen Schritte, nichts zu sehen als Unbehauenes in immer gleichen Farbtönen, nichts zu riechen in der trockenen Luft. Es ist einfach nichts da, was meine Sinne gefangennehmen könnte und trotzdem bewegt mich so viel.

Nun, daß ich die Wüste als etwas Großes und Erhabenes erlebe, liegt wohl auch daran, daß ich unser Fahrzeug nie weiter als zwei oder drei Kilometer weit weg gewußt habe. Grausam wird es, hier alleingelassen zu sein – ein Stück Leben wird klein vor dem Hintergrund einer solchen Landschaft, in der es der Mensch noch nicht geschafft hat, Zeichen zu setzen, ihr seine Ideen aufzuprägen, von sich reden zu machen.



Doch Menschen gibt es auch hier, vereinzelt zwar, aber es gibt sie. Mal sehen wir zwei Jungen am Rand der Piste Kamele hüten, ein anderes Mal verbringen wir den Abend und die Nacht in einem nur wenige Lehmbauten zählenden Dorf, wo wir mit den Kleinen zwischen staubiggrünen Dattelpalmen Fußball spielen, wo man uns die Kranken des Dorfes vorführt in der Hoffnung, wir könnten ihnen helfen, am Abend dann bei Couscous und Tee, von allen bestaunt, unsere Lieder singen. Frauen und Mädchen tauchen erst nach der Dämmerung auf, auch dann nur in respektvoller Entfernung, ziehen schnell den Schleier vors Gesicht, wenn sie unsere Blicke bemerken. Sie sind ein Mythos in Marokko, verkörpert durch die nußbraunäugige Fatima, die in aller Munde ist und das Schicksal eines jeden in ihrer erhobenen Hand hat.

Spät erst liegen wir im Staub unter den Dattelpalmen, die wegen der Trockenheit schon lange keine Früchte mehr haben, starren in den großen Sternenhimmel. Das breite Band der Milchstraße zieht sich von Horizont zu Horizont, kaum ein Fleckchen, an dem nicht ein Stern zu sehen ist – Andreas und ich machen aus, daß wir erst einschlafen, wenn wir drei Sternschnuppen gesehen haben. Das ist nicht schwer, sie fallen wie welkes Laub vom Himmel, woher sie wohl kommen, ob es wohl den Stern mit dem Kleinen Prinzen wirklich gibt, ob ... "da schau, schon wieder eine!"


Daniel


Zurück oder StartFahrten1984  


© 2001 - 2012 Weinbacher Wandervogel (Impressum), Kontakt: bund@weinbacher-wv.de, Letzte Änderung: 2011-07-28 10:29

Wintertippel 2004 - ©Weinbacher Wandervogel