Rückblick – November 2001


Brief zum Bundefeuer Nikolaus


Liebe Weinbacher!

Schon sind es sieben Wochen her, daß wir Euch morgens an unserem Landheim verließen und wir denken oft an Euch im schönen Deutschland.

Wir harren im östlichen Iran darauf, daß Max wieder gesundet und wir in die iranische Salzwüste aufbrechen können. Seit drei Tagen hängen wir in Maschhad fest, da Max völlig unerwartet eine schwere Halsentzündung bekam.

Ferne blasse Erinnerungen scheinen uns die Straßen Europas zu sein, auf denen uns der Iran noch ferne Hoffnung war. Wie freudig und wie gedankenlos auch gingen wir von Euch los, nun hängen wir in gemeinsamer Einsamkeit so manchem Spätsommertag in Weinbach nach. War Europa noch ein ungeduldiges Ausreißen, die Türkei ein erstauntes Genießen, so ist der Iran ein launisches Befremden.

Zwei Tage in Wien waren das letzte Betasten deutscher Kultur, in Rumänien waren wir schon Fremde, trafen dort, in Hermannstadt, aber wieder deutschstämmige Jugendliche. Vor achthundert Jahren reisten sie von Mosel und Rhein nach Siebenbürgen und behielten sich in engen Gemeinschaften bis heute ihre dem Luxemburgischen ähnliche Sprache und ihre Kultur. Bis vor der sozialistischen Diktatur stellten sie eine gebildete Oberschicht dar, heute müssen sie genauso ums Dasein kämpfen wie alle Rumänen. Nur die Zugehörigkeit zu einer sich abschottenden Gemeinschaft ermöglicht ihnen eine stolze Haltung.

Die erste Befremdung ergriff uns in Bulgarien. Es erschien uns wie ein von kommunistischen Größenwahn geprägtes Land, riesig breite, aber verfallende Straßen, monströse Fabriken, graue Riesen, in denen eine ganze Stadt arbeitet, weitflächige Gleisanlagen, die verrosten. Die Menschen sind dunkelhäutig, schütteln den Kopf, um Ja zu sagen, und ihre Musik ist schon recht orientalisch.

Die Türken aber sind ja durchweg Moslems und bilden somit den Anfang der östlichen, nichteuropäischen Kultur. In Istanbul machten wir mehreren Schulklassen unsere Aufwartung und die begeisterte Reaktion allein aufgrund unseres Erscheinens läßt auf die vorbehaltlose Orientierung der Jugendlichen an Deutschland und dem Westen schließen. Ein Junge beschrieb Deutschland als seinen Traum. Es waren nicht nur viele, nun wieder in ihrer Heimat lebende Türken in Deutschland, noch viel mehr wollen dorthin ganz auswandern. Die Türkei ist an sich ein armes Land, das durch einen rigorosen Staat flächendeckend mit Industriegütern versorgt wird und über eine gewisse Infrastruktur verfügt.


Doch die Kultur hat den Wechsel aus der osmanischen Zeit in die Säkularisation nicht mitgemacht. Die Türkei ist eine streng moslemische und an der Sippe orientierte Gesellschaft. Jeder, dem das nicht paßt, versucht nach Istanbul oder nach Europa abzuwandern. So ist Istanbul die Stadt, in der nunmehr jeder vierte Türke lebt, jede Nacht ziehen neue hinzu und die Verwaltung wird den damit entstehenden gesundheitlichen Problemen nicht Herr. Und tatsächlich ist Istanbul vom Rest der Türkei verschieden, hier entwickeln sich unabhängige Bewegungen und es leben hier über drei Millionen Kurden, die hier freier leben konnten und können als in ihrer Heimat Ostanatolien.

Die Türken sind im allgemeinen freundlich und kommen auf uns zu. Das liegt an unserem Auftreten, aber auch an ihrer Neugier, die, so scheint es oft, nicht von einer unseren Maßstäben entsprechenden Höflichkeit gebremst wird. So kommt es regelmäßig vor, daß ein Knabe, aber auch ein alter Mann einfach nach unserem Barett greift, oder uns das Taschenmesser, das man gerade benutzt, aus der Hand zieht. Uns stört es immer noch, doch da sie es nicht als Unhöflichkeit begreifen, helfen wir uns mit einem Lächeln und dem abweisenden Bewegen des Zeigefingers.

Im Taurus können wir endlich für uns wandern und die schon hier vorherrschende Ödnis, die sich bis Zentralasien hält, im Licht der schnell sinkenden Sonne wundernd betrachten.

Hinter Kayseri trampen wir mit vielen LKW-Fahrern durch das ehemals von Kämpfen zwischen der türkischen Armee und kurdischen Unabhängigkeitskämpfern heimgesuchte Ostanatolien oder wie die Kurden hinter vorgehaltene Hand sagen: Kurdistan. Anfang bis Mitte der Neunziger Jahre durften hier nachts keine Autos fahren, nachts fielen Schüsse und wir sehen auch jetzt noch Panzer und Bunker am Straßenrand.

Bis wir ganz im Osten sind, können wir uns mit jedem einigermaßen unterhalten. Zu oft schon saßen wir abends mit einer Familie zusammen, von denen keiner eine Fremdsprache beherrschte. Und doch wurden solche Abende nicht langweilig.

Dann laufen am letzten Abend in der Türkei drei Jungs mit unserer Gitarre davon, wir wissen nur, daß zwei von ihnen studieren, keine Namen. Am Tag drauf sind auch wir in der Uni der Stadt Van, um nach ihnen zu fahnden. Noch am Nachmittag haben wir das gute Stück zurück und die drei eine angstvolle Stunde hinter sich.


Nun sind wir im Iran und baß erstaunt, daß er westlicher erscheint als die Türkei. Alles ist bunt, die Straßen voll und die Leute fröhlich. Die Menschen sind netter als in der Türkei, aber auch reservierter, wir wurden erst einmal eingeladen. Die reaktionäre Regierung scheint mehr hinter den Kulissen den Frauen und den Menschen das leben schwer zu machen. Die Frauen dürfen hier einiges mehr als in der Türkei, viele gehen arbeiten, anderes aber nicht, wie zum Beispiel Kunst studieren, unverschleiert umhergehen oder im Bus vorne bei den Männern sitzen.

Regierungskritisches wird man in diesem Land vergebens suchen, Alkohol nicht, den kann man in bestimmten Ecken erwerben oder, wie wir, beim deutschen Pfarrer in Teheran aus Gläsern trinken.

Oh, wie schön ist es doch bei einem Deutschen. Wie vermissen wir dich, grüne Heimat, deren Geborgenheit uns Freiheit bedeutet. Schließen wir unsere Augen – dampfend wirken uns deine regennassen Wälder wie Arkadien.

Herzlich Horridoh Euch Weinbachern!

Eure drei

Frédéric, Pat, Max

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