Weltfahrt: Auf dem Motorrad durch Indien – Januar 2002


Liebe Freunde!

Wir sind nun seit drei Wochen in Indien und es hat sich so einiges ereignet, von dem wir euch einen kurzen Überblick verschaffen wollen.

In Quetta in Pakistan verleben wir drei interessante Tage, in denen wir uns an die Andersartigkeit der Pakistaner gewöhnen müssen. Sie sind zwar genauso neugierig wie alle anderen bisher auch, doch, wie wir finden, nicht so taktvoll. Ihre Fragen sind direkter und manchmal auch einfach schmutzig. Doch das ist unser Takt, nach dem wir messen. Mit Sudat, dem Kurden, nehmen wir dann einen Zug nach Multan. Der Zug ist freilich bis zum Bersten gefüllt, nach dem Austausch von Leckereien und mehreren Gläsern Tee unterhalten wir uns endlich mit der starrenden und tuschelnden Familie uns gegenüber, Max und Pat schlafen eingeklemmt zwischen den Kindern ein und Frederic rollt sich auf seinem Rucksack und einer fremden Reisetasche ein.

In Multan sehen wir einen Markt für automatische Handfeuerwaffen und besuchen einen britischen Englischlehrer, der sich seit Wochen nicht mehr aus dem Haus traut. Wir quartieren uns beim Bischof ein und trennen uns hier von Sudat. Wir fahren nun nach Islamabad, um das Visum für Indien zu beantragen. Wir müssen ganze fünf Tage warten. Die Gelegenheit nutzend werden Pat und Frederic krank. Als die Pässe fertig sind kann es weiter nach Lahore gehen. Am 17.12. hört endlich der Monat Ramadan und damit das Fasten bei Tageslicht auf. Wir feiern mit den Moslems Id-ul-Fitr, das Fastenbrechen, und tingeln mit drei Pilgern durch die Altstadt. Wir sind nun bereit für Indien. Als wir mit dem Lokalbus an der Grenze sind, heißt es, sie schließe sofort, also rauschen wir durch die Kontrollen, und daß wir vergessen haben uns in Lahore abzumelden wird von dem Beamten mit einem schmerzlichen Lächeln übersehen.



Nun wollen wir wieder trampen! Und es geht ruckzuck, da sind wir im Auto nach Amritsar in der Provinz Punjab. Der Fahrer rät uns im Goldenen Tempel nach einer Übernachtung zu fragen. Wir gehen also in den größten Tempel der Sikhs, einer für uns neuen Religion, und werden gleich in einen Raum für Touristen verwiesen. Und ach, es sind noch andere Reisende dort. Also fast ein kostenloses Hotel, die einen sind auch erst angekommmen, die andere schon seit drei Jahren auf dem Subkontinent unterwegs. Die Sikhs, mit ihren vollen Bärten und hohen Turbanen wirken einschüchternd aber auch versöhnlich.

Unser Plan ist nun zuersteinmal einen geeigneten Platz für Heiligabend zu finden. In Bombay soll eine deutsche Gemeinde sein. Also dahin. Über Delhi, dem wir nur wenige Stunden widmen, trampen wir nach Jaipur. Doch ab dort geht es so langsam voran, daß wir den Zug nehmen. Die Straßen sind grottenschlecht und es fahren auch kaum Autos, fast nur LKW, die einen Schnitt von bis zu 40km/h erreichen. Wir kommen am Samstag, den 22. früh morgens in der Hauptstadt der Schickeria und der Bettler an. Entlang der Gleise zwängen sich die Bruchbuden und die frisch Aufgestanden erledigen ihr Geschäft zwischen den Schienen und waschen sich mit Brackwasser. Wir versuchen es zuersteinmal beim deutschen Pfarrer. Er ist aber erst eine Woche hier und kennt sich noch gar nicht aus. Die anglikanische Kirche, die von den Deutschen mitbenutzt wird, hat auch keinen Platz mehr. Wir eilen von Pontius zu Pilatus und landen schließlich in einem Gemeinschaftshaus einer christlichen Gemeinde. Wir sind in Nagpada, dem "kleinen Pakistan" von Mumbai, gelandet und gleich gegenüber ist auch die Moschee. Am Abend sind wir zur Weihnachtsfeier eingeladen, danach flanieren wir durch die stillgewordenen Straßen und werden gewahr, daß sie Zuhause für allerelei Menschen sind: auf Wägelchen, auf Pappkartons oder einfach nur gekauert in eine Ecke schlafen hunderte Menschen: Kinder, Eltern, Alte. Zwischen ihnen huscht ab und an eine Ratte und sucht nach dem wenigen, das selbst diese Armen nicht mehr essen.

Wir wollen uns in Mumbai (Bombay) Motorräder kaufen und mit denen durch Südindien fahren, Max aber wird zurückfliegen, ihn hat die Fahrt bis hierhin getragen, jetzt ruft ihn die Heimat, wie uns auch, doch wir haben noch nicht genug von der Fremde. Wir besuchen also die Messe am Heiligabend, die wie ein Wunder auf uns wirkt, dann gehen wir köstlich essen, am der Küste verabschieden wir uns und Max fährt Richtung Flughafen, wir zur englischen Mitternachtsmesse. Jetzt, zu zweit, heißt es die Räder organisieren. Zuerst einmal nehmen wir die Einladung des Pfarrerehepaars zum Essen wahr und plauschen mit ihnen über fremde Länder. Tags drauf spielen wir bei einem Werbefilm für eine Zeitung mit. Wir müssen so tun als spielten wir Kricket, das ist der indische Nationalsport, und bessern so unerwartet unsere Fahrtenkasse auf. Pat hat heute, am 26.12. seinen 22. Geburtstag und wir feiern am Abend gediegen. Am folgenden Tag besichtigen wir das ein oder andere Motorrad, können uns aber noch nicht entschließen.

Am 30.12. fahren wir schließlich mit zwei alten Zweitaktmaschinen, die aber noch ordentlich Zug haben, los nach Süden. Bevor wir nach über 600 km am Silvesterabend in Goa ankommen, halten uns ein platter Reifen und ein Kettenriß für ein paar Stunden auf. Das Ziel aber zieht uns weiter und deswegen scheuen wir auch die Fahrt durch die Nacht nicht. Nach dem Gewinn eines neuen Freiheitsgefühls und dem Durchfahren immergrüner Wälder erreichen wir kurz vor Mitternacht eine Kathedrale am Meer in Goa, in der wir die Messe mitfeiern und ins neue Jahr geleitet werden. Unser Wimpel darf zuerst in die arabische See tauchen.



Mit den Maschinen und jeden Tag mehr Erfahrung geht es durch Goa und Karnataka nach Kerala, dem Staat im Südwesten Indiens. Heute waren wir zum zweiten Mal am Strand, wir haben 2000 km unter dem Gesäß, viele Mechanikerbesuche, einen Unfall und so manchen anspruchsvollen Tag hinter uns. Wir besuchten alte Tempel, junge Paläste, Kirchen und Klosterschulen, erfurchtheischende Wasserfälle und urtümliche Waldgebiete.

Wir lernten in den letzten zwei Wochen die Inder noch einmal anders kennen und so langsam schält sich ein diversifiziertes Bild heraus. Ein Urteil abzugeben erlauben wir uns noch nicht, aber das Stadium des Vorurteils haben wir hinter uns. Wir konnten bisher immer Quartier machen und die Räder haben deutlich dazu beigetragen das Land naher zu erkunden, da wir die Zentren meiden und dennoch Strecke machen können. Ohne Max fehlt uns natürlich nicht nur der dritte Mann, doch wir versuchen auch zu zweit den Ansprüchen einer Gruppe gerecht zu werden und Entscheidungen nicht nach dem Prinzip der Bequemlichkeit zu fällen.

Wir wollen nun noch bis Ende Januar mit den Rädern Südindien erkunden und werden versuchen sie dann in Nagpur, in der Mitte Indiens, zu verscherbeln. Ende Februar werden wir uns mit Robert und Andreas zu einer dreiwöchigen Vietnamfahrt treffen, die hoffentlich durch uns bereichert wird. Es bleibt uns also der Weg dorthin: befahren wir den Ganges mit einem Floß und nehmen dann den Flieger oder ist der Landweg über China möglich? Noch spukt diese Frage unbeantwortet in unseren Köpfen, doch wir wollen uns zunächst den Rädern und dem grünen Südindien mit seiner uralten Kultur widmen.


Horridoh
Pat und Frederic

Zurück oder StartWeltfahrer 2001Berichte 


© 2001 - 2012 Weinbacher Wandervogel (Impressum), Kontakt: bund@weinbacher-wv.de, Letzte Änderung: 2011-07-28 10:30

Maghrebinische Nacht 2010 - ©Weinbacher Wandervogel