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Mit den Wandervögeln singen und die Welt erkunden |
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Frankfurter Neue Presse, 29.01.2004, S. 17, Lokales
Mit den Wandervögeln singen und die Welt erkunden
BOCKENHEIM. Am Lagerfeuer sitzen, das Gefühl für die Kostbarkeit von Wasser oder die Lust auf Abenteuer dafür ist in der Stadt zwischen U-Bahn und Beton wenig Platz. Vielen Kindern fehlt das, davon sind Andreas Gürke und Andreas Marschall überzeugt. Die beiden sind mit dem vor 20 Jahren gegründeten "Weinbacher Wandervogel" aufgewachsen und schwärmen von gemeinsamen Reisen und Abenteuern. Ähnlich organisiert, aber bekannter sind die Pfadfinder. "Wir sind aber nicht so militärisch organisiert", erklärt Herr Gürke. Ein Phänomen sei es, dass es in Frankfurt weniger Pfadfinder und Wandervögel als in Norddeutschland gebe.
Einmal pro Woche trifft sich die Gruppe in ihrem ausgebauten Kellerraum. Gitarren hängen an der Wand, ein Bild von Überlebenskünstler Rüdiger Nehberg, ein arabischer Bronzeteller und Wimpel. In der Ecke steht eine Werkbank, darauf ein russischer Samowar zum Tee kochen. Der Wandschmuck lässt ahnen, was die Wandervögel gerne machen: reisen, handwerken und singen.
Marschall und Gürke leiten schon lange Jugendgruppen. Doch die Mitglieder sind erwachsen geworden, und so wollen die beiden nun eine neue Gruppe für Jungen ab etwa zehn Jahren anstoßen. "Das soll aber jetzt jemand jüngeres machen", meint Gürke, der auch Bundesvorsitzender des "Weinbacher Wandervogels" ist. Er will die Gruppe nur anstoßen, nur noch Mentor sein.
Heute ist vielen der Name Wandervogel unbekannt das war früher anders. Die "Bündische Jugend" begeisterte in den 1910er und 1920er Jahren Millionen Jugendliche, die gemeinsam auf große Fahrt gingen. 1934 wurden die Wandervögel von den Nazis verboten, davon haben sich die Gruppen nie erholt. 15 Wandervogel-Bünde gibt es noch in Deutschland, der "Weinbacher Wandervogel" hat in sechs Gruppen rund hundert Mitglieder ohne eine bestimmte religiöse oder politische Weltanschauung.
Wandern ist nur der kleinste Teil der Aktivitäten. "Der Name Wandervogel hat eine lange Tradition, ist aber heute ein Problem. Wandern, das klingt für Jugendliche nach Rentnern oder Spazierengehen mit den Eltern. Er bezieht sich auf die Zugvögel, die in den Süden ziehen. Auf Gruppen wie uns stößt man nicht zufällig", glaubt Herr Marschall.
Und der zweite Teil des Namens? In der Nähe des Örtchens Weinbach (Taunus) besitzt die Gruppe ein altes Fachwerkhaus und ein großes Freizeitgelände auf einer Waldwiese. Ein Wochenende im Monat geht die Gruppe mit Zelt und Rucksack gemeinsam auf Tour. Auch handwerkliches Geschick wird gefördert, die Jüngeren lernen von den Älteren. "Vieles macht man nicht, weil es einem die Eltern nicht zutrauen", meint Herr Marschall.
Manchmal geht es bis nach Rumänien oder in die Ukraine, nach Nordafrika oder Südamerika oder auf Segeltörn. Das sei großartig gewesen, meinen beide. "Wenn man in der Ägäis morgens mit einem Fischer rausfährt und mittags den selbst gefangenen Fisch isst, oder wenn man unter freiem Himmel schläft, dann ist das so schön, dass man es erleben muss", erzählt Herr Gürke mit leuchtenden Augen. (and)
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