Für Abenteurer, nicht für Muttersöhnchen


Frankfurter Allgemeine Zeitung, 17.08.2002, Nr. 190, S. 74, Hessen

Für Abenteurer, nicht für Muttersöhnchen
Weinbacher Wandervögel auf der Suche nach unberührter Natur / Einziger Verein aus Hessen

WEINBACH. Mißtrauische Blicke der Mitschüler trafen Michael Holzwarth, als er eines Morgens seinen Klassenraum am Bad Homburger Humboldt-Gymnasium betrat. Zuerst schweigende Skepsis, dann brachen einige Jungs in Gelächter aus: "Mach uns doch mal den Schuhplattler!" riefen sie hämisch dem Vierzehnjährigen zu, der in kurzer dunkelbrauner Lederhose, grobkariertem Hemd und rotweißem Halstuch vor ihnen stand. Dabei hatte er sein schwarzes Barett noch zu Hause gelassen, das die Kluft der Weinbacher Wandervögel erst komplettiert hätte.

Seit vier Jahren engagiert sich Michael bei den Weinbachern, dem einzigen Wandervogelbund in Hessen. "Die meisten denken gleich an einen langweiligen Wanderverein, wenn sie das Wort Wandervogel hören", meint er. Um seine Freunde vom Gegenteil zu überzeugen, erzählt er ihnen von den großen Auslandsfahrten, zu denen die Gruppen des Bundes, Horten genannt, mit jeweils acht bis zwölf Mitgliedern einmal jährlich aufbrechen.

Nach Fahrten in entlegene Regionen Griechenlands und Rumäniens in den beiden vergangenen Jahren stand für Michaels Horte in diesem Sommer eine dreiwöchige Kanufahrt auf einem Gebirgsflüßchen im Nordosten Finnlands an. Dabei legte die Gruppe täglich etwa 15 Kilometer zurück, paddelte über Stromschnellen und Klippen. Geschlafen wurde unter freiem Himmel.

So lernt man, einfache Dinge zu schätzen und auf überflüssige Bequemlichkeiten zu verzichten", beschreibt Hortenführer Andreas Gürke die spartanische Lebensweise des Bundes. Jede Fahrt ist für ihn eine Flucht aus der Großstadt. Wie die meisten im Bund, kommt er aus Frankfurt und Umgebung. Das intensive Erleben der Natur stehe für die Bündischen im Vordergrund. Nach einem erschöpfenden Marsch einen schattigen Ruheplatz zu finden oder das glasklare Wasser eines kalten Gebirgsbachs zu trinken sind für Gürke "überwältigende Gefühle", die immer wieder eine "kindliche Freude" hervorriefen. Gerade für die Jüngeren in einer Gruppe wirkten solche Erlebnisse prägend und weckten die Liebe zur Natur. Daher kämen Fahrten in "überlaufene Touristengebiete" nicht in Frage.

Unberührte Natur suchten auch die Gymnasiasten und Studenten, die sich 1901 in Steglitz zum ersten Wandervogelbund zusammenschlossen. Die Bewegung fand schnell Zulauf: Schon 1907 zählte der Bund knapp 1400 zumeist jugendliche Mitglieder, die sich danach sehnten, die Sittenstrenge und den Muff der wilhelminischen Lehranstalten hinter sich zu lassen. Deswegen tauschten sie ihre weißen Stehkragen gegen locker fallende Halstücher und die blankpolierten Schuhe gegen Wanderstiefel ein, um befreit durch Wälder und Wiesen zu streifen.

Während die ersten Wandervögel aus konservativem Umfeld ausbrechen wollten, scheint für die Weinbacher das Gegenteil zu gelten. Man denke "eher konservativ", und auch das volkstümliche Liederbuch "Zupfgeigenhansel" ist meist im Marschgepäck zu finden. Politische oder religiöse Ziele verfolge der Bund, der allen Jungen ab dem Alter von zehn Jahren offensteht, aber nicht. Man halte an traditionellen Wertvorstellungen fest und orientiere sich an Tugenden wie Wahrheitsliebe, Kameradschaft und Verläßlichkeit. Auf diese Weise sollen die Jungen lernen, Verantwortung zu übernehmen. Ein Jugendlicher könne durch Engagement im Bund besonders gut zu einer Führungspersönlichkeit reifen.

Wer mit den Weinbachern auf große Fahrt gehen will, muß ihre Regeln akzeptieren. Sie sind mitunter strikt, "fast wie beim Militär", wie einer der Jugendlichen meint. Es gilt, sich in eine Hierarchie einzuordnen und zuweilen einen langen Marsch mit Gepäck durchzustehen. Alkohol und Zigaretten gelten als Schwäche und sind verpönt: "Wer raucht, ist einfach nicht stark genug, um bei uns sein zu dürfen", sagt Gürke. Um Konflikte und Ablenkung zu vermeiden, sind Mädchen, im Gegensatz zu anderen Bünden, bei den Weinbachern nicht zugelassen. "Zu unterschiedlich" seien die Interessen der beiden Geschlechter, gerade während der Pubertät. Mit getrennten Gruppen verliefen die Fahrten einfach geordneter. Die Auslandsfahrt ist der Höhepunkt im Jahr der Weinbacher und wird in regelmäßigen Treffen vorbereitet. Unter der Leitung eines erfahrenen Hortenführers lernen die jüngeren, meist zwischen 10 und 16 Jahre alten Jungen den Umgang mit Karte und Kompaß. Wegskizzen werden gezeichnet und das Knüpfen von Knoten erlernt.

Von ihrem Landheim in Weinbach aus, nach dem der 1984 gegründete Bund benannt ist, starten die Jungen einmal im Monat zu kleineren Wochenendausflügen. Sie gelten als Übung für die große Sommerfahrt, denn "wirkliche Abenteuer erlebt man nicht im Vordertaunus", findet Gürke. Er durchstreifte schon den vietnamesischen Dschungel, marschierte durch den Sand der Sahara von Oase zu Oase und legte per Floß 700 Kilometer auf dem Yukon in Nordkanada zurück. Für "Muttersöhnchen" sei der Bund nicht die richtige Gesellschaft, meint Frederic Holzwarth, Michaels älterer Bruder, der seit sechs Jahren als Wandervogel auf Reisen geht. Abenteuer und unvergeßliche Naturerlebnisse seien nicht auf bequemem Wege zu haben. "Wer das nicht einsieht und seine Jugend mit Computerspielen vergeudet, ist selber schuld."

Informationen bei Andreas Gürke unter der Rufnummer 0 69/70 79 15 55 oder im Internet unter www.weinbacher-wv.de/wwv.

TOBIAS GOTTWALD


Zurück oder StartPresse – FAZ 8/2002  


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