Sturmgesellen zu Gast in Rumänien   –   Sommerfahrt 2008


  - ©Weinbacher Wandervogel

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Wollen die mich ausrauben?… Sommerfahrt dreier Sturmgesellen

Auf einmal tauchten neben ihm drei Gestalten auf mit Lederhose, Halstüchern, komischen Rucksäcken und Gitarren. Sie sprachen ihn auf Deutsch an, aber er beherrschte nur die zum Autokauf wichtigen Vokabeln wie Kraftfahrzeug- schein, Versicherung, oder Vergaser. Im Laufe des Hand-Fuß-Englisch-Gesprächs verstand er aber was die drei von ihm wollten. Sie wollten mitfahren, bis Rumänien...verrückt. Er mußte unvermittelt loslachen. Warum wollten drei junge Männer mit ihm nach Rumänien fahren und warum trugen sie das an ihn heran, während er in einer Vollsperrung sitzt? "Wollen die mich ausrauben?" fragte er sich. Aber noch während er diesen

Gedanken hatte, gesellte sich zu den dreien ein Typ, der ganz normal aussah, und meinte, er hätte die drei auch gerade mitgenommen, sehr nette Gesellen, müsse jetzt aber abfahren. Attila überlegte noch kurz, aber dann entschied er sich für Begleitung, schließlich ist die Fahrt doch sehr eintönig alleine. Auch für uns war es eine neue Erfahrung gewesen beim Trampen in einem Stau einfach so von einem zum anderen umzusteigen, aber es war eine sehr schöne. War das Trampen an die österreichische Grenze bis dahin noch etwas schleppend verlaufen, hatten wir jetzt unsere Mitfahrgelegenheit bis Sighisoara, unserem Ziel in Transsilvanien, sozusagen gebucht.


Es war irgendwie ein wenig schade, als wir in der Geburtsstadt von Graf Dracula unsere Begleitung verließen. Transsilvanien, Dracula...wer denkt da nicht an düstere Gewitterstürme, blutsaugende Vampire und pechschwarze Nächte und der erste Mensch, den wir in diesem Land kennen gelernt hatten, war ein stets Lachender, der uns freundlicherweise durch halb Europa mitgenommen hatte. Nach ein paar Tagen in den schönen alte Städten Sighisoara und Brasov, ehemals von Deutschen, den Siebenbürger Sachsen, gegründet, trieb es uns in die Karpaten. Von diesem, nach Abenteuer klingendem Gebirge hatten wir uns anziehen lassen und nun wollten wir auch die einsamen Täler und schroffen Felsen sehen und erleben. Mit Essen ausgerüstet und völlig unabhängig machten

wir uns auf in die einsame Natur. Teils auf Waldarbeiterwegen und teils per Karte und Kompaß wanderten wir von der Siebenbürger Ebene bei Fagara? steil bergan. Es war traumhaft durch diese Wälder zu tippeln. Undurchdringlich und wild, mit Farnen bewachsen und von klaren Gebirgsbächen zerschnitten, von Wölfen, Bären und Luchsen bewacht und vom Mensch größten Teils in Ruhe gelassen. Von den großen Bären, die zur gleichen Zeit ein paar Kilometer weiter andere Deutsche anfielen, sahen wir nur die Tatzen im Schlamm, was aber wohl besser war als von einem Braunbär im Zelt begrüßt zu werden.Auch ohne die großen Tiere des Waldes gab uns selbiger seine Schätze preis. Die Beeren am Weg waren gern genossene Freuden und auf einer Lichtung sammelten wir die Koschis voll


mit Himbeeren fürs Frühstück am nächsten Tag. Als wir fast den Grat erreicht hatten und der Bewuchs mit Fichten schon spärlicher wurde, tauchten auch noch weitere Gaumenfreuden in Form von Blaubeeren auf. Wir stürzten uns darauf, schließlich hatten wir den ganzen Tag unsere Rucksäcke unermüdlich bergauf gewuchtet. Kurz nach dieser köstlichen Pause waren wir endlich auf dem Grat. Über dem weiten Bergrücken konnten wir in der Ferne ein mächtiges Massiv sehen. Es war ein wunderbarer Moment durch das hohe, trockene Gras zu schreiten und einen Blick über die weite einsame Szenerie zu werfen. Die nächsten Tage verbrachten wir auf dem kahlen Grat der Südkarpaten mit wunderschönen Ausblicken, sowohl in die von Landwirtschaft und damit eckigen Feldern geprägte Ebene im Norden als auch auf

die wilden Wälder und Berge im Süden. Doch die Berge zeigten uns auch ihre unberechenbare Seite. Denn als wir den höchsten Berg, den gut 2500 Meter hohen Moldoveanu besteigen wollten, begleitete uns ein Sturm und am Abend vorher dichter Nebel auf dem Weg zum Fuß des schroffen Herrschers. Es war eine ungemütliche Nacht direkt an der ebenen Fläche bei der Abbruchkante, der Wind pfiff über unsere Krötenkonstruktion und teilweise auch hinein, sodaß wir Mühe hatten, die flatternden Planen an Ort und Stelle zu halten. Wundersamerweise hatte sich am nächsten Tag das Ungetüm von Unwetter verzogen und ein ironisch lächelnder blauer Himmel begrüßte uns am frühen Morgen. Wir erklommen die letzten paar Höhenmeter zum Gipfel und ließen die beeindruckende Aussicht einige Zeit auf uns wirken.


Es ist einfach immer wieder ein ergreifendes Gefühl, so hoch oben zu stehen und alles, ja wirklich alles, was man sieht ist unter einem. Wir sangen ein paar Lieder in den Wind und machten uns dann wieder an den Abstieg durch ein Tal. Dieses Tal war an seinem oberen Ende die Heimat eines Schäfers, der den ganzen Tag seinen Schafen zuschaute, wie sie am kargen Grün nagten und aus dem kleinen Rinnsal tranken. Weiter unterhalb stand die Steinhütte des wettergegerbten Mannes und mit einem groben Holzzaun waren die Gatter für die Schafe zu erkennen. Wir liefen weiter das Tal entlang und weiter unterhalb, das Rinnsal war schon in einen kleinen Fluß verwandelt, waren die ersten Maschinen von Waldarbeitern zu sehen, die das Tal seines wichtigsten Rohrstoffes beraubten.

Diese dieselstinkenden Ungetüme zogen Stamm für Stamm aus dem Wald, karrten sie auf dem rumpelnden Weg gen Talausgang. Wir folgten weiter dem Fluß und es war das erste Mal seit Tagen, daß uns so etwas wie Eintönigkeit umschloß. Links der steile Hang, wir auf dem staubigen Weg, daneben der Fluß und anschließend der andere Hang, so ging es für viele Kilometer und die erste Änderung dieser Gleichförmigkeit stellte der Geruch von Gegrilltem dar. Das war leicht befremdlich, schließlich wähnten wir uns noch in der Wildnis, abgesehen von den paar Holzfällern am Weg. Als wir um die nächste Kurve bogen, war es Gewißheit: die Zivilisation hatte uns wieder: in Form von einer Grillgesellschaft, die sich mit Fleischstücken vom Grill, selbst gebranntem Schnaps und traditioneller


Musik aus dem Dacia einen schönen Nachmittag machte. Als sie uns erblickten winkten sie uns herbei und wir hatten kaum abgesattelt, da hatten wir jeder schon ein Becher uic, den selbst gebrannten Pflaumenschnaps in der einen Hand und ein köstliches, knuspriges Hühnchen in der anderen. Wir unterhielten uns eine ganze Weile auf einer Sprache, wie man sie nur selten spricht. Englisch als Basis wurde aufgefrischt mit ein paar Wörtern Rumänisch von uns und Deutsch von unseren Gastgebern, garniert mit wilder Gestik und Mimik und abgerundet und vollendet mit eben erwähntem Pflaumenbrannt, der die Zunge so wundersam leicht machte.Nachdem wir uns ausgehungert über das festliche Mal hergemacht hatten, nahmen uns unsere

neuen Freunde in ihrem Auto mit. Zu acht holperten wir über die Schotterstraße und vom romantischen, einsamen Bergleben war nichts mehr zu spüren. Das gesamte untere Tal diente als Campingplatz. Überall stiegen Rauchwolken der Lagerfeuer empor, Igluzelte standen neben Wohnwagen und Autos und wo eben noch Laub und Moose den Grund bedeckten, waren es jetzt Plastiktüten und leere Bierflaschen. Die Stille der Wälder hatte sich verwandelt in eine Mischung der verschiedenen, schrillen Rhythmen, die sich aus allen Richtungen und Anlagen über das Tal ausbreiteten. Mittendrin waren wir, leicht beschwert von dem Getränke und ein bißchen überfordert, ob des schnellen Wechsels der Szenerie.


Siebenbürgen

Diese hügelige Landschaft war schon vor hunderten von Jahren von Deutschen besiedelt und erschlossen, allerdings zog es die Mehrzahl der Siebenbürger Sachsen nach dem Fall der Mauer nach Deutschland, sodaß wir in der ursprünglichen Landschaft nur noch wenigen Deutschen begegneten. Charakteristisch für diesen Landesteil sind besonders die Kirchenburgen, die zum Schutze der Bevölkerung errichtet wurden und schon so manches Jahrhundert überdauert haben. Die Zeit scheint stehen geblieben zu sein, schießt es mir sofort durch den Kopf.

Wenn man diese Gemäuer sieht, mittelalterlich und auch die Dörfer mit all ihrer Ursprünglichkeit, dann lassen sie einen vergessen, daß man im Zeitalter der Globalisierung und des Internets lebt. Auf den staubigen Dorfstraßen ziehen müde Esel Lasten und dunkelbraune Kinder schreien. Es ist wie in einem Zigeunerlied und eben diese Zigeuner sind auch prägend am Dorfbild beteiligt. Die Felder werden mit Ochsenkarren bestellt und auf den Straßen grüßen sich alte Ostblockautos und Pferdekarren, die mit Heu beladen sind. In Hozman durften wir im Heu in der Kirchenburg schlafen und wir


erfuhren, daß der Ort demnächst endlich eine Wasserleitung für alle bekommen sollte und bis jetzt nur mit dem Dorfbrunnen versorgt wurde. Mitten in diese Stimmung der Nostalgie, erblickte uns in der Dorfkneipe ein großer, flacher Plasmabildschirm, der uns einlud, der Fußballnational-mannschaft während der Europameisterschaft zuzuschauen.Wie wir bereits am eigenen Leib erfahren hatten, ändert sich die Atmosphäre dieses Landes blitzartig. Das macht es spannend und interessant. Was wir allerdings als

Romantik mit Ochsenkarren und Dorfbrunnen erlebten, ist für die Menschen harter Alltag und so wundert es nicht, wenn sie sich nach Kabelfernsehen und Warmwasserleitung sehnen. So unterschiedlich ist unser vereintes Europa eben noch. Nach noch einer Woche in diesem ursprünglichen Teil unseres Kontinents zogen wir wieder gen Heimat, mit vielen unvergeßlichen Erinnerungen und dem Wissen das Transsilvanien oder Siebenbürgen eben viel mehr ist als Draculas Vampire.

Daniel

[Fotos]

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