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In den Weiten Nordamerikas – Sommerfahrt 2008 |
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Sommerfahrt nach Kanada und Alaska
Unsere Augen versuchen die Ferne zu erfassen – angestrengt suchend bemühen sie sich zu finden, was Ohren und Ahnung warnend flüstern. Aber erst langsam erschließt sich uns unsere Lage und bei ihrem Verstehen ist es zu spät, hat sich der Lauf der Situation verselbständigt und die uns gehörende, bestimmende Rolle in unserem Handeln in die eines Komparsen verwandelt. Das Rauschen, das unsere Ohren weckte, ist zu mächtigem Donner angewachsen, an ein Anlanden ist nicht mehr zu denken. Mit dem gewaltigen Strom des Wassers sind wir in unserem Kanu einer Stromschnelle zugetrieben, der die starken Regenfälle vorhergehender Tage eine ihr unnatürliche Gewalt verliehen haben. In den wenigen Sekunden die uns zur Vorbereitung bleiben, werden wir uns
mit lauten, knappen Worten einig, wie wir dem Unabwendbaren begegnen wollen. Den ersten Wellenkamm bezwingen wir, den zweiten auch noch; doch der ihm folgende dreht das Kanu und als wir in das Wellental gleiten, rammen wir seine Spitze in das Wasser der nächstaufsteigenden Welle. Ich sehe Alex vor mir ins Wasser tauchen und weiß, daß ich ihm folgen werde. Mit einer ungeahnten Mischung aus Lethargie und Sarkasmus geht mir dabei ein „Auch das noch...“ durch den Kopf. Dieser Gedanke währt jedoch nur bis zum Auftauchen – zu brenzlig ist unsere Lage, als daß Raum für anderes als aktivem Handeln wäre! Mit den Händen am umgeworfenen Kanu suche ich nach Alex. Der treibt hinter mir, einer Marionette gleich, über die Wellen und kommt nur
mühsam näher. Nachdem er das Kanu erreicht hat, sucht er hustend seinen Halt. Mittlerweile haben wir die Stromschnelle verlassen. Wir nutzen die neue Ruhe, um die Situation zu erfassen: der Blick zeigt uns unsere Habseligkeiten als großen Teppich um uns schwimmend. Das meiste ist am Kanu festgebunden, doch bei manchem zeigt das Geschehene auch unsere Nachlässigkeit. Um wichtigen Dingen unter ihnen wieder habhaft zu werden, riskieren wir das Verlassen des Kanus. Dabei rächt sich, daß wir von einem kurz zuvor erfolgtem Umtragen noch die Schuhe anbehalten haben; wie Blei ziehen sie nach unten. Mehrfach müssen wir uns auch aus dem Seil befreien, das unser Gepäck sichert.Das Drehen des
Kanus gelingt, doch bekommen wir das Wasser nicht heraus. Dies fordert eine andere, das kalte Naß und die nunmehr 15 Minuten, die wir uns schon in ihm befinden, zudem eine schnelle Lösung. Weil wir dem Kanu auf dem Wasser nicht Herr werden können, entschließen wir uns, dem Ufer zuzusteuern; bei dem manövrierträgen Kanu jedoch kein leichtes Unterfangen. Auf der Wassermasse, die durch das Flußbett gleitet, beginnen wir, Ameisen gleich, das Strampeln, stets mit der Brust auf dem Kanu gestützt. Zunächst nur unmerklich, doch dann immer rascher nähern wir uns dem Ufer. Freudig über diesen kleinen Erfolg stellt sich uns die nächste Hürde, denn erst jetzt, da unsere Köpfe noch dichter an der
Wasseroberfläche sind, wird uns die schnelle Strömung des Yukons vollends bewußt. Auf einmal spüre ich etwas Festes unter meinen Füßen und rufe Alex nur „Grund, Grund“ zu. Wir drücken aus Leibeskräften, greifen mit den Händen in das vorbei fliegende, dichte Gebüsch, können so xdie Fahrt verzögern und dann sogar anhalten. Gerade wollen wir aufatmen, da kracht es morsch, unser Kanu dreht um die eigene Achse und reißt sich los. Einige hundert Meter weiter kommen wir dem Ufer erneut nahe. Stoisch wiederholen wir die Anlandeprozedur; diesmal finden wir in dem vom Hochwasser umspülten Geäst einen jungen Stamm, der stark genug ist, das Kanu und seine zwei müden Kämpfer
zu halten. Alex begibt sich an Land und fängt sofort an Feuerholz zu sammeln. Um die lähmende Kälte aus seinem Körper zu bannen, läuft er dabei. In den Bergen nassen Gepäcks kramen wir ein Feuerzeug hervor, das dank eines Zufalls trocken blieb. Schnell züngeln erste Flammen und schon bald prasselt das Feuer. Froh seufzen wir auf, wohl wissend, daß wir soeben ein sehr heikles Abenteuer bestanden haben.Als wir vor einer Woche von Frankfurt nach Vancouver flogen, ahnten wir von einem solchen Erlebnis noch nichts. Wir zogen aus, um die Urgewalten Kanadas, seine endlosen Straßen und unerschöpfliche Natur kennenzulernen. In Vancouver wurden wir von unserem Freund Hubertus abgeholt.
Beherbergen durfte er uns nur eine Nacht, denn es drang uns aufzubrechen und dem Norden zuzustreben. Per Anhalter ging es nach Whitehorse, da wir von dort mit unserer Kanufahrt nach Dawson City beginnen wollten. Wer sagt, daß das Trampen nur das Mittel zum Zweck sei, erkennt nur die halbe Wahrheit. Denn auch, wenn dies vordergründig richtig ist, ermöglichte uns der Tramp doch eine Vielzahl imposanter und vor allem verschiedentlicher erster Eindrücke dieses großen Landes. Mit der Ankunft in Whitehorse waren uns deshalb die Begegnungen mit Bären, die Myriaden von Mücken sowie die kanadischen Umgangsformen schon eher vertraut als fremd. Für das Trocknen unserer Sachen, der Versorgung von Blessuren und das
Fassen neuen Mutes nahmen wir uns einen Tag Auszeit. Frisch gewappnet beluden wir am kommenden Morgen das Kanu und schauten skeptisch auf das schnell dahin fließende Wasser. Uns schauderte, sich erneut den Launen des Yukons aussetzen zu müssen, doch ließen uns der Wille zur Selbsterziehung sowie der Mangel an Alternativen nur diesen einen Weg. Zu Beginn sehr vorsichtig, doch in den folgenden Tagen dann immer sicherer, steuerten wir das Kanu über Sandbänke, umfuhren Labyrinthe von Inseln und überwanden neue Stromschnellen. Gutes Wetter, die wilde Landschaft, freundliche Begegnungen und die am Ufer zu erlebende Geschichte des Goldrausches taten ihr übriges, um zur Freude der Fahrt zurückzukehren.
In Erinnerung bleiben uns auch die Beobachtung von Entstehung und Tanz einer großen Windhose, schmerzende Hagelkörner sowie das sichtbare Anschwellen des Yukons bei mehrtägigem Dauerregen. Mit Erreichen von Dawson City war die Ruhe des großen Stromes mit einem Mal vergangen und wir wieder zurück in der Zivilisation. Wegen der nahen Legende „Klondike City“ und des auf die Besucherscharen ausgerichteten Kommerzes dauerte es nicht lange, bis es uns zu eng wurde und wir uns aufmachten, der Straße nach Alaska zu folgen. Dort angekommen, zog es uns in das Hochgebirge. In ihm wanderten wir entlang steiler Felshänge, durchwateten eiskalte,
vom Schmelzwasser gefüllte Bäche und erklommen Gipfel, deren Weitsicht uns tief beeindruckte. Der Wunsch nach anderen Impressionen ließ uns für unsere Rückkehr in südlichere Gefilde statt des Landwegs den Seeweg wählen. Mit einer Fähre fuhren wir entlang kristallblauer Gletscher, enger Schären und ziehender Walherden von Haines nach Prince Rupert. Mit einer auf dem Schiff erfolgten Werbeaktion in eigener Sache gelang es uns dann einen Anschlußtramp bis vor die Haustür von Hubertus zu erhalten. Einige Tage später und um die Eindrücke städtischen, nordamerikanischen Lebens reicher, galt es dann den Rückflug nach Deutschland anzutreten.
Euro
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