Wie ist die Welt so groß und weit... – Südtirol Sommer 2002


  - ©Weinbacher Wandervogel

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In jenem Lied besingt Karl Felderer seine wundervolle Heimat Südtirol mit ihren unterschiedlichen, dem Jahresrhythmus folgenden Gesichtern. Eines dieser Gesichter kündigt den nahenden Sommer an und bei seiner Betrachtung "weiß jeder und das Herz ihm lacht, die Kletterzeit beginnt".

Auch Andreas, Freddy, Max und ich wollen uns am Himmelfahrtswochenende dieses Gesicht ein wenig genauer ansehen und ziehen gen Südtirol. Für Max und mich ist es das erste Mal, daß wir zum Klettern mitfahren, obwohl wir schon öfters in den Bergen wandern waren.

Der Anblick dieser steinernen Riesen läßt mir jedoch immer wieder aufs Neue vor Ehrfurcht den Atem stocken. Man blickt auf das Gesicht eines Greises. Die herabfallenden Wangen sind von tiefen Falten und Furchen durchzogen, die von unermeßlichem Alter zeugen. Über Jahrtausende haben Regen und Sturm hier ihre Spuren hinterlassen und es doch nie geschafft diesen Greis auch nur zum Wanken zu bringen. Stolz erhebt sich das wettergegerbte Gesicht mit der zackigen Nase in den Himmel und strahlt eine ungeheure Kraft und Würde aus.

An manchen Stellen ist der kantige Kopf schon kahl, an anderen zieht sich das schneeweiße Haar, das im Sommer immer etwas lichter ist, in langen Strähnen die schattigen Falten hinunter.

An der südlichen Fanisspitze ist das Haar noch sehr dicht zu dieser Jahreszeit. Als wir auf dem Parkplatz stehend an den mächtigen Hängen hinaufblicken, sehen wir – im Gegensatz zum Vortag – keine anderen Kletterer. Da hatten wir bereits den Strobel bezwungen und schon von unten einige bunte Flecken wahrnehmen können, die wie Läuse an der harten, faltigen Berghaut emporkrabbelten.

Als wir nun immer weiter hinaufsteigen und in die Nähe des Klettersteigeinstieges kommen merken wir schließlich am Fehlen anderer Spuren, daß wir tatsächlich die ersten in diesem Jahr sind, die die Fanisspitze bezwingen wollen. Der Schnee ist naß und schwer und auf einem schmalen Grat rutscht Max weg, findet aber zum Glück noch rechtzeitig Halt. Wir betrachten die kleine dadurch ausgelöste Lawine, wie sie ins scheinbar Bodenlose stürzt.


Der Greis zeigt sich heute unfreundlich. Er hüllt sein Haupt in dunkle Wolken und blickt finster drein. Dennoch haken wir unsere Karabiner schließlich am gespannten Stahlseil ein und wagen die Herausforderung. Der Fels ist durch den Schnee sehr glitschig und wir kommen nur langsam voran. Auch der Wind scheint heute stärker zu blasen. In einigen Situationen rutscht mir der Fuß ab und das Herz in die Hose. Das Gefühl des Abenteuers wandelt sich zu einem leichten Unbehagen. Schließlich kommen wir an einen Punkt, wo das Stahlseil plötzlich aufhört. Wir entschließen uns umzukehren. Ich verspüre eine große Erleichterung, als ich wieder eine feste, ebene Fläche unter den Füßen habe.

An diesem Tag ist es dem Greis gelungen, uns abzuschrecken und wir lassen ihn in seiner dunklen Einsamkeit zurück. Es steht uns aber noch ein Tag bevor, um uns an anderer Stelle zu versuchen.

Doch zunächst kehren wir zu unserem Nachtquartier zurück. In einem engen, tief eingeschnittenen Tal liegen entlang eines Schotterweges einige Feldscheunen. Daneben fließt ein quirliger Bergbach, der von hohen Tannen umsäumt wird. Die Scheunen, die zum Glück offen stehen und ideale Schlafraumgröße haben, bieten mit den Heuresten des Vorjahres einen guten Übernachtungsplatz. Am Bach ist auch schnell eine gute Kochstelle gefunden und so ist wieder einmal in wenigen Augenblicken ein fremdes Stück Natur zu einem kurzzeitigen Heim für uns geworden. Erstaunlich mit welch einfachen Mitteln das doch immer wieder zu schaffen ist!


Frisch ausgeruht stehen wir am nächsten Morgen am Fuße des Pisciadu. Dieses Mal ist der alte Greis freundlich und lädt uns sonnig lächelnd dazu ein, sein Haupt zu erklimmen. Wir nehmen dankend an und schnell wird die Welt unter uns immer kleiner. Schließlich ziehen wir uns über die letzte Kante und sind auf dem großen Felsplateau des Gipfels angelangt. Der Klettersteig hat uns einiges abverlangt, doch war er für mich auch der schönste und vielseitigste. Der atemberaubende Ausblick und die "Gipfelschokolade" belohnen uns hier oben zusätzlich.

Für den Abstieg wählen wir einen anderen Weg, eine schattige Bergfurche, in der noch viel Schnee liegt und die direkt ins Tal hinabführt. Doch wir merken schon bald, daß dieser Weg steiler als gedacht ist und das Gehen in dem tiefen Schnee große Anstrengung macht, da man ständig aufpassen muß, nicht abzurutschen.

Doch warum eigentlich, denkt sich Freddy, und setzt sich einfach auf seinen Hosenboden, um den ganzen Berg herunterzurutschen. Wir anderen sehen staunend zu, mit welcher Geschwindigkeit er Richtung Tal schießt und da sitzen wir auch schon im Schnee und tun es ihm gleich. Es folgt eine lange, unvergeßliche Rutschpartie in der von Freddy geformten Bobbahn. Als wir vor lauter Freude erschöpft unten ankommen, ist meine Hose zwar völlig durchnäßt, aber die Stimmung dafür auf dem Höhepunkt.

Auf diese Weise verlassen wir den alten Greis und wenden am nächsten Tag auch Südtirol den Rücken zu, um zu unserer eigenen schönen Heimat zurückzukehren.


Felix

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