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Wüstenwanderung oder die Gnade des Wahnsinns – Marokkofahrt Ostern 2001 |
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Wild bin ich, frisch und drängend. Doch nur mit einem sardonischen Lächeln auf den Lippen, das mir schon ob meines Mundes knarrender Trockenheit mehr spröde Feigheit überspielend als siegesgewiß erscheint. Wir, wir sind so wild allein, unsre Brüder laben sich vergeblich an jedem Brunnen. Denn uns blüht die Einsamkeit zur Dichte erst in voller Glut. Die Sonne droben saugt an unserm Blut. Zu verdampfen drohen uns Schneid und Mut. Sie vermag es, mein ich, zu schrumpfen, dörrend zieht es sich zurück, lenkt ab in dumpfen Spielereien, will krachend sein Schweigen vertuschen. Wild bin ich, schreit sein Lärmen. Oh, ich bin so leer, nichts brennt in mir als nur die Worte. Ihr blasser Qualm ist mein Atem, kondensiert zu Staub sogleich, bedeckt den Boden, der auch mein Rachen ist. Ich, ja ich. Ich will die Fülle von der die Worte kündigen und sie pressen in mein Hirn. Doch um mich: nichts, muß die Leere in mir dehnen, zerren und reißen auseinander.
Ja, wild bist du, wild vor Wut. Willst du dich nicht beugen? Sieh, wer dir gebietet. Ich bin die Sonne, einzige Gebieterin in öder Wüste hier, zu der auch bald dein Heim, dein Körper wird. Öffne dich nur, kannst´s nicht leiden? Ich will dich treiben, durstiger Sand dich ziehen. Als Flammenzunge in meinem Rachen darfst aufgehen. Dann bist Rauch, dann ich deine verzehrende Braut. Nur schweig.
Nein ich will´s nicht leiden, denkt mein selbst. Ihr Bräutigam, deren, die sich selbst zur Witwe macht? Kann ich nicht eignes Blendwerk zaubern? Bin ich nicht stark genug, ihr zu widerstehn? Ihr zeig ich´s. Polternd tritt das Ich nach draußen, taumelnd schwingt´s die Keule. Geblendet, verweist auf baldige Rettung im Schatten trotzender Palmen. Es ist nicht der Sonne Bosheit, vielleicht nur ihre Liebe zum Wasser, die stärker ist. Taumelnd noch verpufft das Ich. Und ich laufe weiter, alleine doch nun unter ihrer mißgönnenden Mutterschaft.
Laufend noch bin ich leere Hülle. Gestorben ist mein Durst nicht, vielmehr hat er ein eigenes Leben entwickelt, ist nicht mehr mein, sondern ein in meinem Körper spukender Geist. Die Hitze hat mich leergebrannt. Trotzdem der Durst in meinem Blickfeld irrlichtert, fühle ich mich so recht frei zu gehen und wünsche nicht der Feldflasche Freuden.
Wie es den anderen geht? Sicher sind sie erschöpft, ich kann sie aber auch gar nicht fragen, bin nämlich damit beschäftigt, nichts zu denken. Geht ja auch gar nicht anders, bin gewissermaßen gezwungen nichts zu denken, die Herrscherin dort oben erlaubt nichts anderes, hat mir deswegen den Geist ausgeblasen. Ist auch einerlei, solange man sich drüber nicht klar wird, kommen auch keine Sorgen auf. Ich denke ja gar nicht daran, irgendwas denken zu müssen. Ist schon die Erinnerung verblaßt, so auch das Sehnen. Alle Wünsche in mir sind verstaubt und trockengelegt. Wie die Schwüle das Vergessen beschleunigt, so wirkt sie doch eigentlich lähmend. Wir kommen ja kaum vorwärts beim Wandern, alles Denken scheint lahmgelegt. Doch gerade als Lähmende ist die heiße Sonne eine hervorragende Gegnerin, der es zu trotzen und die auszuhalten ehrenvoll ist. Daher mein Versuch im Lächeln.
Wer lächelnd dem Gegner gegenübertritt zeigt zwar, daß es ihm auf Sieg oder Niederlage nicht so sehr ankommt, steht aber bei gleich welchem Ausgang dennoch gewinnender da.
Trottend schon und innerlich gebrochen, hält mich nur mein Äußeres, das, was ich mir zur Schau stelle, am Laufen. Laufen, den Berg rauf, ihn runter und weiter. Und als die Bedeutungen der Dinge wanken, mir die Sinne schwanken, sich bald durchsichtige Fäden gleißender Luft um mich ranken, da läßt ein fernes Grün im Staub gefangne Samen keimen. Nicht Hoffnung: Ahnung der Ruhe um sich selbst. Dort in den Palmenhainen heiß´s die Qualen der Mühe doch schnell vergessen. Nur Ruhe – bis zum Nachmittag.
Frederic Holzwarth
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