Kretische Urgewalten – Ostern 2001


Warten

Langsam beginnt die Sonne hinter den Berggipfeln zu versinken und der ohnehin schon kalte Wind wird zunehmend eisig. Wir sitzen zusammengekauert in der Wurzel eines alten Baumes etwa 150m oberhalb des Eingangs zur Schlucht und beobachten den Wärter, der seinen Platz überhaupt nicht verlassen will. Wiedereinmal wollen wir noch vor dem offiziellen Öffnungstermin Anfang Mai durch die gewaltige großartige Samaria-Schlucht im Süden Kretas laufen, wollen deren Schönheit in Ruhe auf uns wirken lassen. Schon in wenigen Wochen wird hier wieder der Touristenrummel losgehen, werden täglich zu Hunderten die Tagesurlauber mit Bussen herangekarrt und durch die Schlucht geschleust werden. Sich dann in das Gewühl zu stürzen erscheint uns undenkbar, dann doch eher einige Stunden in der Kälte hocken, und "inoffiziell" unser Glück versuchen.

Das letzte mal vor sechs Jahren war es uns kurz nach Einbruch der Dunkelheit gelungen, als der Wärter, nachdem scheinbar der letzte Tourist verschwunden war, ebenfalls seinen Platz verließ und wir in die Schlucht huschen konnten. Jetzt ist es wieder so weit, und die Nerven werden gespannter. Doch solange wir auch warten – der Wärter beginnt zwar aufzuräumen, aber bewegt sich nicht vom Eingang fort – es ergibt sich keine Gelegenheit. Statt dessen leuchtet plötzlich ein starker Scheinwerfer das ganze Areal um den Eingang herum taghell aus. Immer länger werden die Schatten und irgendwann müssen wir uns eingestehen, daß es nun zu dunkel ist. Aus der Erinnerung wissen wir, das der Weg direkt nach dem Eingang für mindestens eine halbe Laufstunde stark abfällt. Dort in stockdunkler Nacht herunter zu stolpern, erscheint schließlich auch dem Verwegenstem unter uns nicht mehr als realistische Option.

Im Schatten verborgen, außerhalb des Sichtfeldes des Wärters kriechen wir nach einem kurzen, kleinen Mahl in unsere Schlafsäcke. Tobend fegt der Wind über uns hinweg, bitter kalt ist es, und mit jeder fünften Sturmböe, rieselt feiner Sand, der über das Mittelmeer hinweg aus Afrika hierher geblasen wurde, auf uns herab. Richtig schlafen tut wohl keiner, man döst so vor sich hin und irgendwann kann man am Ton des Windes erkennen, daß nun wieder Sand im Anflug ist, und verkriecht sich noch tiefer in seine Penntüte.

Nach langen Stunden, noch immer umhüllt uns tiefe Dunkelheit, gibt einer das Signal zum Aufstehen. Müde und erschöpft kramt jeder, still seinen eigenen Gedanken nachhängend, seine Sachen zusammen und schweigsam nähern wir uns dem Einstieg zur Schlucht, der auch jetzt noch von dem Scheinwerfer beleuchtet wird. Langsam zeigt sich ein erstes zartes Rot am Himmel und ohne vom sicherlich tief und fest in seiner Hütte schlafendem Wärter bemerkt zu werden, steigen wir in die Schlucht ein.

Den Lohn für die unbequeme Nacht dürfen wir während des gesamten Tages genießen. Überwältigende Eindrücke in einer der größten und gewaltigsten Schluchten Europas.


Die Fähre

Eigentlich wollten wir das kleine jetzt in der Vorsaison noch völlig verträumte Dorf Agía Rouméli längst wieder verlassen haben, doch hatten wir dabei auf die Fähre, der einzigen Alternative zum Fußmarsch gesetzt. Von allen Dorfbewohnern wurde diese bereits sehnsüchtig erwartet, war sie doch aufgrund des Sturms der letzten Tage schon seit vorgestern nicht mehr gefahren und verschiedene Lebensmittel waren bereits Mangelware.

Gleich am Morgen war uns mitgeteilt worden, daß es heute wieder soweit sei. Allerdings müßten wir mit Verspätung rechnen. So hielten wir es auf die griechische Art, setzten uns ins Kafeníon, schauten dem mehr oder weniger geschäftigem Treiben zu und harten der Dinge, die da kommen sollten. Und es sollte sich lohnen. Alles begann damit, daß eine erste, sehr kleine Fähre aus der Gegenrichtung unter großen Mühen, heftigem Geschaukel und meterhohen Gischtfontänen an der offen und ungeschützt ins Meer hineinreichenden Mole anlegte. Viele helfende Hände begannen sofort mit dem Entladen, schleppten alles, was wegen des Ausbleiben des Schiffes schon seit Tagen nicht mehr in dem kleinen Supermarkt zu erhalten war und dringendst für das Osterfest benötigt wurde, an Land. Immer wieder durchnäßten die hereinrollenden Wellen die Helfer von oben bis unten, drohten gar, sie ins Meer zu spülen. Wir saßen derweil in sicherer Entfernung im Trockenen und ließen uns unseren Kaffee schmecken.

Dann später tauchte unsere Fähre am Horizont auf. Viel zu spät wurde uns bewußt, daß dieses "große" Schiff keinen Versuch unternehmen wollte, regulär an der Mole festzumachen, sondern vielmehr den am Dorfende liegenden Strand ansteuert, um in der Art eines Landungsbootes anzulanden. Nun brach auch bei uns die Hektik aus und als wir schließlich gegen den Wind, mit Gepäck und durch den weichen Sand die Fähre erreichten, war der Entladevorgang im vollen Gange. Auch einige wenige Tages-Touristen stiegen aus, die die 30 Minuten regulären Aufenthalt für einen kurzen Rundgang nutzen wollten.

Dann die Überraschung: kaum war die Fähre entladen, wurde das Ablegen eingeleitet. Keiner, weder wir, noch die Tages-Touristen, noch irgendein Grieche durften einsteigen. Minuten später ist das Schiff davon gerauscht. Erst nach einiger Zeit erfuhren wir, daß die kleinere Fähre wohl mit Maschinenschaden in Seenot geraten sei, und nun von dem großen Schiff geborgen werden sollte. Wir hatten unsere griechische Lektion gelernt und begaben uns direkt in das nächste Kafeníon, vorbei an den verzweifelt aussehenden Touris, die mit leichtem Schuhwerk und ohne irgendwelche weitere Ausrüstung berieten, ob sie den fünf Stunden Marsch entlang der Küste antreten sollten. Dann eineinhalb Stunden später – gerade eben kommt bei uns die zweite Runde Kaffee –, sieht man die große Fähre mit der kleinen Fähre im Schlepp am Horizont vorbeiziehen. Heute fährt hier gar nichts mehr.


Das Osterfest

Aus allen Straßen strömen mehr und mehr Menschen zu der kleinen Kapelle oberhalb des Dorfes. Winzig ist sie und liegt innerhalb der Ruinen einer älteren größeren Kirche, in derer eingestürzten Mauern sich nun auch die Bewohner und wenigen Gäste des Dorfes versammeln. Magisch leuchtet es golden aus den kleinen Fenstern und leise vernehmen wir den Gesang des Popen und seiner Vorbeter. Immer voller wird es und jeder spürt, wie sich die Spannung einen Höhepunkt nähert. Als um Punk zwölf in der Liturgie der heilige Satz "Christo anesti", "Christus ist auferstanden, ja er ist wirklich auferstanden" fällt, entlädt sich die Stimmung in einem fulminantem Gemisch aus Glockenleuten, wilder Schießerei aus unzähligen Revolvern und Pistolen, Knallern, lachenden Menschen und überall das Leuchten der Osterkerzen. "Kaló Paska", "Fröhliche Ostern" tönt es von allen Seiten.

Der Gottesdienst geht weiter, doch das schert nur noch die wenigsten und alle strömen hinab ins Dorf. Und hier beginnt die Überraschung für uns. Feiert man in Griechenland üblicherweise in der Osternacht in seinen Familien, ist hier ein großes Fest des gesamten Dorfes vorbereitet. Auf der zentralen Straße ist eine riesige Tafel aufgebaut, die sich unter den bereitgestellten Wein- und Bierflaschen, Brot und Gebäck und wenig später auch nicht endend wollendem Nachschub an Hammelfleisch biegt. Das ganze Dorf hat dazu beigetragen und jeder ist eingeladen.

Auch für uns wird Platz geschaffen und wir werden mit sanftem Druck genötigt, uns zu setzen. Nun kommen die Leckereien von allen Seiten und bald weiß keiner von uns mehr so recht, wie er noch mehr hinunterbekommen soll. Ein großer Scheiterhaufen, bestimmt sechs Meter hoch, wird entzündet. An einem Galgen hängt eine Strohpuppe darüber. Sie symbolisiert Judas, der nun für den Verrat an Jesus büßen soll. Im Wettlauf mit den Flammen versucht die Dorfjugend mit Gewehren und Flinten der Puppe ordentlich etwas auf den Pelz zu braten. Höchstes Ziel ist es dabei, den Strick zu treffen und die Puppe damit in die Flammen zu stürzen.

Wir beginnen, die Gitarren auszupacken und unser griechisches Repertoire zum besten zu geben, und landen einen grandiosen Erfolg. Schnell wird die Gruppe um uns herum größer und gemeinsam stimmen wir einen Klassiker nach dem anderen an. Das Zeitgefühl geht verloren, immer wieder werden wir um Zugaben gebeten, werden uns die berühmten Fragen nach dem woher und wohin gestellt. Wir dürfen Teilhaben an dem gewaltigen Fest einer Dorfgemeinschaft und erst in den frühen Morgenstunden, als sich bereits der erste helle Streifen am Horizont zeigt, kriechen wir am Strand in unsere Schlafsäcke.


Der Berg

Eigentlich sollte es doch mit dem Wind im Rücken einfacher gehen, doch irgend etwas stimmt an dieser Theorie nicht. Alle haben bereits seit geraumer Zeit die Zähne fest zusammengebissen und stapfen durch den Schnee aufwärts Richtung Psiloritis, dem höchsten Berg Kretas. Von hinten stürmt und tobt ein eisiger Wind ebenfalls den Berg hinauf, doch ist er keine echte Hilfe. Im Gegenteil, es wird immer kälter und jeder Flecken Haut, der ihm direkt ausgeliefert ist, läuft blau an. Jeder ist mit seinen Gedanken allein und kämpft sich weiter nach oben. Immer weiter reißt die Gruppe auseinander, doch ist es viel zu kalt, um irgendwo stehen zu bleiben und zu warten.

Schließlich erreichen wir den Sattel. Und wer zuvor noch dachte, der Wind wäre stark, wird hier eines Besseren belehrt. Mit voller Macht greift er nun von vorne an, und ist man nicht vorsichtig, wird man augenblicklich mehrere Meter zur Seite geblasen. Völlig schutzlos fegt er über den Rücken, der noch mindestens weitere 150 Höhenmeter zum Gipfel weiterführt. Kaum gelingt es die Augen offenzuhalten. Jeder Schritt erfordert enorme Kraft und Konzentration. Zu zweit versuchen wir die Alternative etwa zwanzig Meter unterhalb im Windschatten. Der Wind ist hier erträglich, doch brechen wir dafür bei jedem Schritt bis zur Hüfte ein und so kämpfen wir uns wieder zurück zu den anderen.

An einem winzigen Felsvorsprung erreichen wir schließlich wieder die restliche Gruppe, und wir kauern zusammen und beraten, wie es weitergehen soll. Nur widerstrebend wollen wir uns eingestehen, daß wir mit unserer mangelhaften Ausrüstung nicht weiterkommen. Völlig durchfroren sind wir alle, die Zähne klappern aufeinander und vom Gipfel ist noch immer nichts zu sehen. Selbst die Tafel Schokolade kann die Lebensgeister nicht mehr richtig mobilisieren. Wir kehren um.

Selten erlebt man in unserer heutigen Welt die Gewalt der Natur so direkt, wird einem die eigene Größe so deutlich vor Augen geführt. Man lernt Demut.


Andreas v. Rosen

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