Sturmfahrt am Finnischen Meerbusen – Faladotörn Sommer 2001


 Falado - ©Weinbacher Wandervogel

 Falado - ©Weinbacher Wandervogel

 Falado - ©Weinbacher Wandervogel

 Falado - ©Weinbacher Wandervogel

 Falado - ©Weinbacher Wandervogel

 Falado - ©Weinbacher Wandervogel

 Falado - ©Weinbacher Wandervogel

 Falado - ©Weinbacher Wandervogel

 Falado - ©Weinbacher Wandervogel

 Falado - ©Weinbacher Wandervogel

 Falado - ©Weinbacher Wandervogel

 Falado - ©Weinbacher Wandervogel

[Fotos]

Schiffsübergabe

Brennend heiß ist es bereits während unserer ganzen Estlandfahrt gewesen. Kaum ein Lüftchen hat sich geregt und die Hitze lastete schwer auf den weiten Feldern und staubigen Wegen. Hätte man es nicht besser gewußt, hätte man meinen können, irgendwo im Süden Italiens unterwegs zu sein, doch gewiß nicht im nördlichsten Staate des Baltikums, in dem die Sonne zu dieser Jahreszeit nur kurz den Horizont unterwandert, um den Himmel darauf wieder in ein tiefes Rot zu färben. Auch auf der Falado setzt sich diese unerhoffte Hitze fort und beschert uns ein famoses Badewetter, doch ein Blick in die Segel offenbart einem die andere Seite der Medaille – es herrscht absolute Flaute.

Vor drei Tagen haben wir sie in Tallinn übernommen, die "Falado von Rhodos", jenes sagenhafte Schiff, das schon von unzähligen Gruppen besegelt wurde und von all jenen, die während eines Törns im Kampf mit den Elementen eine enge Vertrautheit und Beziehung dazu aufgebaut haben, als ein Stück Heimat empfunden wird.

Und auch aus dem eigenen Bund waren bereits verschiedene Fahrtengruppen auf der Falado, doch wenn man sie selbst zum ersten mal im Hafen liegen sieht und an Bord geht, wirken alle Erzählungen und Bilder, die man immer aufgesogen hat, farblos gegenüber der Wirklichkeit des eigenen Erlebens.

So warten wir – eine zwölfköpfige Crew vom Weinbacher Wandervogel, die sich lange auf den Törn vorbereitet hat und mehr als ein bißchen Fahrt von Hafen zu Hafen erwartet – sehnsüchtig auf den nötigen Wind, denn es lockt die Weite der Meere.

Und endlich, am frühen Morgen des vierten Tages ist er da. Das Meer ist aufgewühlt und eine scharfe Brise geht durch den kleinen estnischen Hafen in dem wir vor Anker liegen. Das "Navtex" hat uns fünf bis sechs Windstärken vorausgesagt, und auch wenn das noch kein Sturm ist, ist es doch wie eine Befreiung und man spürt einen Ruck durch die ganze Mannschaft gehen. Alle werden aufs neue vom Segelfieber gepackt und in Windeseile ist das Schiff ablegbereit und auch das Ziel liegt fest: Auf nach Finnland!

Auf nach Finnland!

Zum ersten mal gibt der Skipper das Kommando Rettungswesten anzulegen und betont noch einmal eindringlich die Grundregel, "eine Hand für Dich und eine für das Schiff," als wir auch schon die Leinen losmachen und in See stechen. Der Seegang ist nicht von schlechten Eltern, doch Thiemo und Arne, unsere beiden Toppsgasten, entern unbeeindruckt in die Rahen auf und verrichten gekonnt und ohne Zögern ihre Arbeit in schwindelnder Höhe. Arne ist der jüngste Pimpf an Bord, unser Schiffsmoses, ihm scheint es aber überhaupt nichts auszumachen, bei Wind und Wetter in die Wanten zu steigen. "Rahen weiter anbrassen," tönt es vom Skipper – es gilt anzuluven, um noch mehr Fahrt zu machen, und so werden auch die restlichen Segel noch dichter geholt.

Bald gehen wir so hoch an den Wind, daß die Rahsegel wieder geborgen werden, dafür sind aber so ziemlich alle Schratsegel gesetzt und geben der Falado ordentlich Fahrt. Wie eine Segeljacht legt sich unsere alte Falado in den Wind, als wollte sie uns beweisen, daß sie mit diesen noch durchaus mithalten kann. So erreichen wir bereits bei Einbruch der Dunkelheit die finnische Schärenküste, an der wir von einem kleinen Schnellboot der Küstenwache abgefangen werden, das uns sicher durch die scharfen Felsformationen geleitet.

Blickfang in den Schären

Es folgt am nächsten Tag eine Fahrt durch die Schären – immer ostwärts unserem Ziel Helsinki entgegen. Zwar ist der Seegang hier etwas ruhiger und erinnert ein bißchen an Binnengewässer, doch der Wind ist nach wie vor ordentlich, und wir kommen gut voran. Rote und grüne Bojen weisen uns den rechten Weg durch die bezaubernde Landschaft aus kleinen bewaldeten Inseln und eine Vielzahl von Holzhütten, wie man sie auch aus Schweden kennt. Insgesamt herrscht hier sehr reger Schiffsverkehr, und natürlich sind wir für alle die Attraktion mit unserem "Piratenschiff" – einen Rahsegler kriegt man hier nicht alle Tage zu sehen. So entschließen wir uns – zur Freude der anderen Segler – das eine oder andere Fahrtenlied anzustimmen, singekräftig ist unsere Crew ja allemal. Begeistert und fröhlich winken uns die Finnen zu und schießen unzählige Fotos oder filmen gar mit Videokameras. So viel Aufmerksamkeit ist mit der Zeit aber auch nervig, und so sind wir froh, als wir abends die kleine Bucht mitten in den Schären erreichen, die wir uns auf der Seekarte ausgesucht haben, um vor Anker zu gehen.

Mit dem Dingi erkunden die Pimpfe die nahegelegene Insel und wir erleben einen Sonnenuntergang, wie er im Bilderbuch nicht schöner sein könnte.

Noch etwas später, als es bereits dunkel ist, ertönt ein Ruf vom Fockmast aus dem Krähennest: "Arne, auf – komm noch mal nach oben!" Etwas verwundert tut er, wie ihm geheißen, legt den Sicherheitsgurt an und steigt in die Wanten. Bei pfeifendem Wind bekommt er vom Hortenführer hoch oben über dem Deck genau dort sein Barett verliehen, wo er es sich nach dem furchtlosen Einsatz der letzten Tage wirklich mehr als verdient hat. Damit hat er fortan einen festen Platz in der Horte und kehrt so auch zu Recht stolz wieder in den Kreis der Schiffscrew zurück, die ihm freudig gratuliert.

Bei Windstärke 8 gen Helsinki

Nur noch einen Tag sind wir von Helsinki entfernt, und keiner hätte geahnt, daß dieser dem bisher erlebten noch die Krone aufsetzen würde. Das Navtex hat Sturmwarnung ausgegeben, es soll heute bis zu 8 Windstärken geben. So machen wir uns auf einiges gefaßt und verlassen in Ölzeug und mit Rettungswesten gerüstet die schützende Bucht. Sogleich bekommen wir die rauhe See und den heftigen Wellengang zu spüren. Die Falado wird von den Wogen wie eine Nußschale hin und her geworfen, und unter Deck halten es selbst Hartgesottene nur für eine kurze Weile aus. Noch kann zwar von Sturm keine Rede sein, doch einige von uns erwischt es bald mit voller Härte. Mit einem Schlag geht die vordere Luke auf, und man kann beobachten, wie Daniel seinen Kopf herausstreckt und in seiner Not nicht mal mehr die Reling erreicht.

Auch Chrissi und Pat liegen kreidebleich in den Kojen und teilen sich von Zeit zu Zeit eine große Schüssel. Trotz gelegentlicher Ausfälle ist die Ruderwache jedoch immer einsatzbereit und führt das Schiff mit sicherer Hand. Etwas später verweilt selbst unser Skipper einen Augenblick zu lange im Kartenhaus und geht danach unfreiwillig die "Fische füttern". Überhaupt kein Spaß ist es, heute die Backschaft zu stellen, denn in der kleinen Kombüse bedarf es beider Hände, um sich festzuhalten, so daß einem eine dritte für die eigentliche Kocharbeit fehlt. Doch Berti und Takis geben ihr bestes, um wenigstens eine kleine Mahlzeit zu bereiten.

Jetzt wird es wirklich ernst

Plötzlich taucht in der Ferne die dunkle Säule einer Regenfront auf, und unser Kurs führt unweigerlich hinein. Man merkt, wie es immer weiter aufbrist, und schon fallen auch die ersten Tropfen. Und dann geht es los. Wie aus Eimern schüttet es auf uns hernieder, und der Sturm jagt über Deck, so daß man sich nur noch auf dem Achterdeck sicher aufhalten kann. Die gesamte Ruderwache legt Sicherheitsgurte an und hakt sich irgendwo ein, denn die Falado ist inzwischen so stark geneigt, daß man Gefahr läuft abzurutschen und über Bord zu gehen. Hart am Wind jagen wir über die wütende See, und von Zeit zu Zeit überrollen Brecher das gesamte Deck. Der Steuermann hat alle Mühe das Schiff auf Kurs zu halten, muß er sich doch selbst mit einer Hand an der Wand des Niedergangs festhalten, um nicht abzurutschen, und mit der anderen unter Einsatz seines ganzen Körpers das Steuerrad festhalten. Die Backbordseite der Falado taucht allenthalben unter Wasser, doch die Falado soll ja angeblich unkenterbar sein.

Gerade das war es aber, was wir gesucht hatten. Nicht das gemütliche Dahinschippern bei Sonne und einem leichten Lüftchen, sondern die ganze Unbill der rauhen See, der Kampf mit den Wellen und dem Sturm sind es, die uns jetzt in ihren Bann ziehen.

Unter Johlen drängen sich die Jungen auf dem Achterdeck, völlig unberührt davon, daß ihre Schuhe bereits völlig durchweicht sind und die ersten Ölsachen undicht werden.

Bei tobendem Gewitter und peitschendem Regen laufen wir durch die alten Festungsmauern im Hafen Helsinkis ein. Immer wieder lohen gleißende Blitze durch den düsteren Abend und grollen laute Donnerschläge um uns herum, und wir malen uns aus, was passieren könnte, wenn ein Blitz die Falado erwischte. Im Traditionshafen legen wir schließlich an. Die Wolken sind plötzlich wieder aufgerissen und die ersten Sonnenstrahlen scheinen bereits unschuldig auf uns hernieder. Wir haben es geschafft und sind stolz darauf, Poseidon und seinen Tücken getrotzt zu haben. Den Kampf mit den Elementen haben wir gesucht und gefunden und so ist die Falado auch für uns zu etwas Vertrautem geworden. Wir kennen ihre Stärken aber auch ihre Grenzen und fühlen uns auf ihren Planken bereits jetzt wie zu Hause. Wie wunderbar, daß uns noch einige Tage Törn verbleiben.

Zurück oder StartFahrten2001  


© 2001 - 2012 Weinbacher Wandervogel (Impressum), Kontakt: bund@weinbacher-wv.de, Letzte Änderung: 2011-07-28 10:30

Wintertippel 2004 - ©Weinbacher Wandervogel