Besuch des Heiligen Berges – Athosfahrt Ostern 2000


Dafni  - ©Weinbacher Wandervogel

Karyes  - ©Weinbacher Wandervogel

Karyes  - ©Weinbacher Wandervogel

Dafni   - ©Weinbacher Wandervogel

Kloster Koutlumousiou  - ©Weinbacher Wandervogel

Kloster Iviron  - ©Weinbacher Wandervogel

Kloster Iviron  - ©Weinbacher Wandervogel

Kloster Iviron  - ©Weinbacher Wandervogel

Kloster Filotheou  - ©Weinbacher Wandervogel

Kloster Filotheou  - ©Weinbacher Wandervogel

Kloster Filotheou  - ©Weinbacher Wandervogel

Kloster Filotheou  - ©Weinbacher Wandervogel

Kloster Filotheou  - ©Weinbacher Wandervogel

Kloster Karakalou  - ©Weinbacher Wandervogel

Kloster Karakalou  - ©Weinbacher Wandervogel

Kloster Karakalou  - ©Weinbacher Wandervogel

Kloster Megistis Lavras  - ©Weinbacher Wandervogel

Berg Athos  - ©Weinbacher Wandervogel

Berg Athos  - ©Weinbacher Wandervogel

Berg Athos  - ©Weinbacher Wandervogel

Berg Athos  - ©Weinbacher Wandervogel

Berg Athos  - ©Weinbacher Wandervogel

Berg Athos  - ©Weinbacher Wandervogel

Berg Athos  - ©Weinbacher Wandervogel

Berg Athos  - ©Weinbacher Wandervogel

Berg Athos  - ©Weinbacher Wandervogel

Berg Athos  - ©Weinbacher Wandervogel

Südspitze Athos  - ©Weinbacher Wandervogel

Berg Athos  - ©Weinbacher Wandervogel

Auftakt

Wir sitzen auf der kleinen Autofähre, die uns entlang der südwestlichen Athosküste nach Dafni bringt. Obwohl Ayon Oros, der nördliche Sporn der Chalkidike, ja eine Halbinsel ist, stellt der Seeweg von Ouranoupolis nach Dafni die einzige offiziell erlaubte Verbindung zur Republik Athos dar. Der kleine Pilgerhafen Dafni ist somit das Nadelöhr, durch das die Athosbesucher allesamt gehen müssen. Er ist gleichsam die Athospforte, das Tor zum Heiligen Berg.

Das geschlossene Passagierdeck des kleinen Schiffes ist vollgestopft mit Reisenden und Pilgern, zumeist Griechen, und mit einigen Mönchen, an deren stets schwarz gewandete Erscheinung, mit schwarzer Kappe und langem, zotteligem Bart, wir uns bald gewöhnen werden. Uns aber bläst oben auf dem Sonnendeck der Fahrtwind die Nässe ins Gesicht und läßt uns die Kragen hochschlagen. Wohl versuchen der leichte Nieselregen und die diesige Sicht die Lust zur Fahrt schon am ersten Tage zu dämpfen.

Wir haben uns auf diese Fahrt nicht besonders vorbereitet. Das heißt, wir kennen uns allenfalls leidlich im orthodoxen Glauben aus.

Wir waren nicht in Bibliotheken, um vorweg den Athos zu studieren, und auch Erhart Kästners "Stundentrommel vom heiligen Berg Athos" blieb zunächst ungelesen. Einerseits aus der Not mangelnder Zeit heraus. Doch andererseits ist die Athosfahrt für uns nicht vorprogrammiert. Es existieren keine Sehenswürdigkeiten, die bedacht werden müssen, keine Elemente anderer Erzählungen, die es wiederzufinden gilt. Die Kürze der uns zur Verfügung stehenden Zeit scheint ohnehin nur einen Streifzug zu erlauben, eine Aufnahme von Bruchstücken, die mehr Fragen aufwerfen wird als zu beantworten. Es existiert somit nur der Anspruch, mit offenen Augen und wachem Geist unser eigenes Athoserlebnis zu finden und anschließend unsere eigenen Geschichten zu erzählen.

Die ersten Klöster der Südwestküste kommen in Sicht: Dochiariou, Xenofontos und schließlich das Russenkloster Panteleimonos. Doch im tristen Grau büßen sie ein an Geltung und Pracht.


Dafni

Von Dafni, einem aus vielleicht fünf Häusern und dem kleinen Fährhafen bestehenden Ort, kommt man entweder mit dem Bus weiter Richtung Karyes oder mit einem anderen Schiff weiter die Südwestküste entlang. Noch etwas orientierungslos verlegen wir kurz in die Pinte, um zu beraten. Doch keine fünf Minuten vergehen, da ist der Bus auch schon abgefahren und kurz darauf das Schiff. Das war's für heute in Dafni. Der sprichwörtliche Trubel und das geschäftige Treiben, der hektische Be- und Entladebetrieb der Fähre, der bei der Ankunft eben noch herrschte, ist urplötzlich einer verschlafenen Ruhe gewichen. Ein paar Hunde streiten um irgendeinen Kloß, der Wirt wischt seine Tische, und die Staubfahne eines Wagens auf dem Weg Richtung Karyes ist nur noch aus der Ferne zu sehen - wir sind die letzten in Dafni.

Und wir sind unter uns. Jetzt haben wir die Ruhe, einen Plan zu fassen, abseits der Besucherwelle. Überhaupt, der Athos scheint von Besuchern nicht gerade entwöhnt zu sein. In Ouranopolis schon fallen die unzähligen Hotels und Restaurants für Ab- und Anreisende ins Auge und die stolzen Preise. Auch der Wirt hier in Dafni hat, kaum daß wir die Karte auf einem der Tische ausgebreitet hatten, darauf hingewiesen, daß diese nur für zahlende Kundschaft zur Verfügung stünden, was bei genauerem Hinsehen auch auf jedem Tisch angeschrieben war. Und dann die kleinen Lädchen mit allerlei Weltlichem und religiösem Souvenir. Doch genug, lassen wir die Fahrt beginnen.


Karyes

Von Dafni brauchen wir gut zwei Stunden zu Fuß, bis wir unter uns das Dorf Karyes, die "Hauptstadt" von Athos, sehen. Am Dorfplatz thront die alte Hauptkirche Karyes´, Protaton. Dahinter das große weiße Amtsgebäude des Heiligen Rates, in dem Vertreter aller Klöster sitzen, dessen Eingang über eine lange, breite Mamortreppe zu erreichen ist. Hier versuchen wir am nächsten Tag die Diamontirions, unsere Klosterpässe, über die für Nichtorthodoxe üblichen vier Tage hinaus zu verlängern, was sich als völlig unproblematisch erweist. Wir sehen Kirchen- und palastähnliche Bauten, die einst prunkvolleren Zeiten entstammen mögen, neben schlichten Häusern, dicht an dicht den Ortskern bildend, einem Bergdorf typisch, mit kleiner Post- und Polizeistation, mit einer Pinte und kleinen Lädchen.

Doch seltsam, was ist Karyes für ein Ort? Leben doch die etwa zweitausend Athosmönche entweder in den Klöstern, deren es von einst dreißig oder vierzig immerhin noch zwanzig gibt; leben in den zwölf Skiten, den meist zu einem Kloster gehörenden Mönchssiedlungen oder fristen in einer der vielleicht zweihundert kleinen Einsiedeleien oder gar als einsame Eremiten ihr Dasein, ohne den Gemeinschaftsregeln eines Klosterabtes unterworfen zu sein. Wozu also dieses kleine Bergdorf Karyes, das dort im Talverlauf liegt, dicht umrandet von der weiten, undurchdringlichen Macchia, die bis an die äußersten Gebäude herangewachsen ist?

Das "Undorf", wie es Kästner nennt, weil "ohne Frauen, ohne Kinder, ohne Zeugung, Geburt und Vererbung". Wir steigen hinab. Die wenigen Straßen und gepflasterten Gäßchen Karyes´ sind menschenleer. Es ist niemand zu sehen, nichts zu hören. Man könnte meinen, wir wären allein im Ort, doch natürlich sind wir es nicht. Und tatsächlich, zwei oder drei der kleinen Lädchen sind geöffnet, erlauben einen wenig aufschlußreichen Blick durch die Ladentür in ihr dunkles Inneres. Da sitzt der Ladenbesitzer hinter der Kassentheke, regungslos und kundschaftslos, unheimlich, gerade so, als müsse er dort sitzen, wie in einem Märchen, weil es der Märchenschreiber so will.

Wir brechen ab und gehen mit dem Eindruck, eine unwirkliche, unbeantwortete Dorfszene erst einmal hinter uns zu lassen, zum Monastiri Koutlumousiou, das keine fünf Minuten entfernt ein Nachbar Karyes´ ist. Wir wollen der Bitte des Gastmönches entsprechen, der uns zuvor am Telephon sehr freundlich darauf hingewiesen hat, nicht zu spät zu erscheinen. So stehen wir kurz darauf an der Klosterpforte und schreiten etwas zaghaft, ja im Grunde völlig ahnungslos, aber sehr gespannt auf das, was nun kommen wird, durch das Portal ins Klosterinnere.


In den Klöstern

In einem kleinen Empfangsraum werden wir überaus freundlich vom Archondaris, dem Gastmönch, mit Wasser, Kaffee, Lukumi und einem kleinen Trester begrüßt. Wir zeigen unsere Klosterpässe vor, werden in das Gästebuch eingetragen. Schließlich bekommen wir die Zimmer im Archondarikion, dem Gästeflügel, zugewiesen und können uns waschen. Ein Prozedere, das so oder ähnlich in allen Klöstern anzutreffen ist. Zur angegebenen Uhrzeit finden wir uns dann ein und bekommen zusammen mit anderen Klostergästen und einigen Mönchen in der Klosterküche ein Mahl: Suppe, Brot, Oliven, etwas Obst. Je nach Strenge der Auslegung wird in der Fastenzeit auf Milchprodukte, Fleisch, Fisch, Zucker, Öl und Wein verzichtet.

Der Tag beginnt in einem Kloster gegen drei Uhr, um vier Uhr folgt die etwa drei- bis vierstündige Morgenmesse. Diese wird rechtzeitig durch Schlagen des Simandrons, der "Stundentrommel", einem wuchtig massiven Klangbrett, und durch Läuten der Glocke angekündigt. Die Gottesdienste finden im Katholikon statt, dem mit runden Kuppen versehenen Gebetshaus inmitten eines jeden Athosklosters. Es folgt die Hauptmahlzeit des Tages, jedoch meist erst zu einer Zeit, zu der wir das Kloster bereits wieder verlassen haben. Der Tageslauf in den Klöstern unterliegt dem Koinobion, der strengen gemeinschaftlichen Vorgabe und Arbeitsteilung seitens des Klosterabtes. Demgegenüber wird das Leben der Mönche außerhalb der Klöster, in den Skiten etwa oder in den Einsiedeleien, als idiorythmisch bezeichnet. Das bedeutet, deren Lebensform erlaubt persönliche Neigungen und Besitz, einen "eigenen Rhythmus" also, ohne strenge Observanz.

Wenn wir abends ein Kloster erreichen - es muß stets vor Sonnenuntergang sein, denn zu dieser Zeit wird das Klostertor geschlossen - ist das meist kurz vor der Abendmesse. Außerhalb der Messen zeigt man uns gerne das Katholikon, seinen prächtig geschmückten Altarraum, zeigt und erklärt uns die jahrhundertealten Ikonen. Sie stehen für den Bilderglauben der Orthodoxen. Sie werden geküßt, das ist fester Bestandteil jeder Zeremonie, und dadurch die Heiligen verehrt. Ikonen sind nicht einfach Abbilder der Heiligen, sondern eben jene sind in den Ikonen wie gegenwärtig. Sie sind da, sind anwesend. Die Ikone, sie wird zum Fenster auf Erden, ein Berührungspunkt mit den Heiligen im Wortsinne: "Ikonen, die Augen der Welt".

In Megistis Lavras haben wir später die Möglichkeit, einer solchen Abendmesse beizuwohnen. Dabei ist es uns als Nichtorthodoxen nur gewährt, im Vorzimmer des Altarraumes zu verweilen, jedoch hören wir die wachsenden Gesänge der Liturgie, erkennen im Halbdunkel vorbeiziehende Mönchsgestalten, an jeder der Ikonen zum Kusse kurz verweilend. Der Gottesdienst besteht im wesentlichen aus der mehrstündigen, immer gleichen Liturgie des Johannes Chrysostomos, vollzogen von Priester und Diakon im Wechsel- und Zwiegesang.

Orthodoxe Zeremonien ergehen sich einzig in der christlichen Überlieferung, im Ursprünglichen, im Transzendenten. So gibt es keine Predigt oder aktuelle Bezüge zum Tagesgeschehen gar. Im Anschluß an die Messe dann das Abendessen, das wir in unserem ersten Kloster Koutloumousiou, wie gesagt in kleiner Runde in der Küche einnehmen, und das in der Fastenzeit nur von Mönchen wahrgenommen wird, die es wirklich brauchen, z.B. wegen anstrengender Arbeit.

Um drei Uhr dann hallt die Glocke. Das Stundenholz tönt durchs nächtliche Kloster, immer wieder, bis zum Beginn der Messe. Mönchsgestalten huschen wie Schatten über den Klosterhof, verschwinden in der Türe des Katholikon zum Ikonenkuß und hinein zur Messe. Eine unwirkliche Stimmung. Dann, ganz leise, wie von ferne, kann man die Liturgie erahnen, sonor und monoton. Nach und nach schlafen wir in unseren Betten wieder ein. Nur Andreas hat sich aufgerafft, sitzt unten im Dunkel des Chorgestühls.

Im ganzen haben wir vier Tage Wanderung durch urtümliche Macchialandschaft, dann und wann vorbei an kleinen Siedeleien, als Etappenziel stets ein Kloster vor Augen. Zwischen ihnen hält der Athos kleine Geschichten und Begegnungen für uns bereit. Unsere Route: Nach Koutloumousiou besuchen wir Iviron, ein großes, wunderschönes Kloster, mit einer sehr berühmten Ikone, die man uns erklärt. Dann Filotheou, wo wir die nächste Nacht verbringen. Karakalou liegt am Weg, das Kloster, wo wir so viele Apfelsinen mitnehmen müssen, wie wir nur tragen können. Dann Megistis Lavras, das größte aller Klöster, von wo aus wir am nächsten Morgen auf den Athos gehen. Vom Athos geht es dann über die Skite Agios Annis mit dem Schiff zurück nach Dafni, vorbei an den Klöstern Dionysiou, Gregoriou, Simonos Petras, die wir leider nur im Vorbeifahren sehen. Sie alle sind belegt, wie man uns am Telephon mitteilt, eine Übernachtung nicht möglich. Außerdem wird uns zu allem Überfluß nicht gestattet, das Schiff vor Dafni an einem der Klöster zu verlassen. Als wir, am Dionysiou glaube ich, dennoch Anstalten machen, kommt sogar der kleine Kapitän angeschossen, cholerisch schreiend mit hochrotem Kopf, und läßt sich kaum wieder beruhigen. Mag sein, daß ihm Strafe winkt, wenn er Passagiere an den Klöstern nicht nur aufnimmt, sondern auch absetzt. Die letzte Nacht verbringen wir dann im Freien, denn auch im Kloster Xiropothamou, das nächste von Dafni, bekommen wir trotz anfänglicher Zusage des Gastmönches schließlich doch kein Quartier. Dafür das unglaublichste Mahl unserer gesamten Reise, das vergessen läßt, daß Fastenzeit herrscht: Tintenfisch satt und schmackhaft, dazu Wein aus vollen Krügen.


Bruder Gelasios

Die Fahrt hätte so weiter und zu Ende gehen können: Eine schöne, wildromantische Macchiawanderung, wie sie vielleicht im Pelion hätte stattfinden können, ergänzt durch die wahrhaft eindrucksvolle und großartige Kulisse der Klöster, die nicht selten anstatt von ferne urplötzlich hinter der letzten Buschecke ganz nah und in voller Pracht auftauchen. Ergänzt durch die Sehenswürdigkeit der Klöster selbst, ihren Ikonen und den Erklärungen über den orthodoxen Glauben, ihrem uns fremden Alltag. Ergänzt vor allem durch das Gemüt der Klöster, ihre uns so geheimnisvoll anmutende Stimmung. Indes, einen tieferen Einblick bleibt uns der Athos - oder wir ihm, je nachdem - bislang schuldig.

Es ist dann im Kloster Filotheou, wir bekommen gerade im Anschluß an die Abendmesse den Altarraum des Katholikon gezeigt, als uns einer der hinauseilenden Mönche anspricht. Ein Deutscher, dem leichten Zungenschlag nach Berliner, fragt mit gedämpfter Stimme, ob wir Georgspfadfinder seien. Nun, wir berichtigen und stellen uns als Wandervögel vor; Wandervögel sogar! Ob wir Interesse hätten, ihn später noch einmal zu treffen? Wir bejahen, und die kurze Unterhaltung ist zunächst beendet.

Später, nach dem Essen, treffen wir ihn im Archondarikion in einem Leseraum. Bruder Gelasios, wie er als Mönch nun heißt, ist ein reger, sympathischer Mensch, doch scheint eine stete Unruhe in ihm zu wohnen. Bruder Gelasios hat viel zu sagen, sehr viel, es scheint ihm ein Bedürfnis. Seine Erzählweise ist gleichsam bemerkenswert. Er spricht in langen Zusammenhängen, indem er vielschichtig Erzählebenen eröffnet, die ihm dazu dienen, all das unterzubringen, was ihm wichtig ist, ohne sich jedoch zu verlieren. Er schildert zwar eingängig und findet stets zurück, aber nicht selten erst nach einer Stunde.

Natürlich erzählt er vom orthodoxen Glauben, von dessen Entstehung durch Trennung zwischen der Ost- und der Westkirche vor rund tausend Jahren, seiner Ursprünglichkeit und Unverfälschtheit im Unterschied zu den abendländischen Konfessionen, die aus orthodoxer Sicht eine Fehlentwicklung der westlichen Kirche bedeuten. So nennt er etwa den Priester, im Orthodoxen ein tatsächlicher Vertreter Gottes auf Erden, der Hostie und Wein zum Abendmahl in wahrhaftigen Leib und Blut Jesu verwandelt, oder von der Taufe, die durch vollständiges Untertauchen des Täuflings vollzogen wird, wie bei Johannes dem Täufer nachzulesen. Überhaupt ist es die Bibel und immer wieder die Bibel, die er stets heranzuziehen weiß, um seine Ausführungen mit ihrem Wortlaut zu belegen.

Doch er erzählt auch vom Mönchsdasein auf Athos. So erzählt er etwa von den Basislastern, wie Essen, Trinken oder Unkeuschheit. Sie zu überwinden, also in Askese sich zu üben für den Rest seines Lebens, heißt freier zu werden und leichter und dadurch Gott näherzukommen.

Erheiternd dann schließlich seine Ausführungen zur unbedingten Verführung des Mannes durch die Frau, die ja auf den Athos keinen Zutritt hat. Mönch sein, so meint Gelasios schließlich mit Blick auf den normalen orthodoxen Christen, das heißt "das Gute hinter sich zu lassen, des Besseren wegen".

So vergehen Stunde um Stunde, und es wird erkennbar, daß es für Bruder Gelasios neben einem ausschließlich religiösen Leben keine andere Wirklichkeit mehr gibt. Das Weltgeschehen wird unwichtig, eine Zeitung etwa zu lesen überflüssig, ja hinderlich. Kontakt zur Familie? Nein, es wäre ablenkend. Seine "Familie", das sind die Gottesmutter und Gott selbst. Seine Liebe gilt nur ihnen, doch keinem Menschen. Es wird nun deutlich, was gemeint ist, wenn man von dem Athos als einer Gegenwelt spricht, in der Hektik und materielles Streben einer jahrhundertelang angereicherten klösterlichen Stille gewichen sind. Am Ende des Strebens, als Ziel des hiesigen Lebens, so Gelasios, steht die totale Vergeistigung, das völlige Loslösen von allem Irdischen als Vorbereitung auf das Leben nach dem Tod. Deshalb, er habe noch einen langen und mühsamen Weg vor sich, habe noch viel zu lernen und es bliebe ihm nicht mehr viel Zeit. Schließlich sei er schon Mitte fünfzig.

Der Entscheidungsernst, der sich mit dem Mönchsdasein untrennbar verbindet, wird sichtbar; ein Ernst, in dem es Kompromisse nicht mehr gibt. Hier begreifen wir schließlich, was es heißt, Mönch zu sein. Ja, es macht sogar ein bißchen Angst, zumindest mir, dem Ungefestigten, dem Suchenden, der nicht Weniges faul in die Zukunft verschiebt, die in jungen Lebensjahren ja schier unendlich erscheint. Ich bekomme tiefen Respekt gegenüber den Mönchen, den Bewohnern des Heiligen Berges Athos ? jenen, die das Gute hinter sich lassen, des Besseren wegen; jenen, denen das irdische Leben einzig und allein dazu dient, sich auf den Tod vorzubereiten. Dem Tod, der keine Macht hat auf dem Athos.

Beim Abschied am andern Morgen meint Gelasios, wir mögen ihn doch wieder einmal besuchen. Wir wüßten ja, wo er zu finden sei: "... im Kloster eben oder da unten!", wobei er mit dem Kopf in Richtung des Gebeinhauses weist. Dort werfen wir noch einen Blick hinein, bevor es weitergeht. Fein und ordentlich sind die Schädel der einstigen Bewohner Filotheous aufgereiht, in mehreren Regalebenen stehen sie dicht an dicht bis unter die niedrige Decke des Häuschens - bald werden sie wohl anbauen müssen.


Ist Athos Fahrtenland?

Wie man anderswo nach seiner Heimat oder seiner Tätigkeit gefragt wird, fragt man hier nach der Religion: "Orthodox? Roman Catholic? Protestant?" Wir sind stets die Nichtorthodoxen. Und während wir in den einen Klöstern herzlich und aufgeschlossen begrüßt werden, scheint in anderen ungeschrieben die Vorhaltung in der Luft zu stehen, nur Wanderer oder Reisende zu sein, doch keine Pilger. Womöglich nichts als das kostenfreie Quartier und die kostenfreie Mahlzeit im Auge, denn hierzu haben sich alle Klöster verpflichtet.

Und so stellt sich wohl die Frage: Was wollen wir hier. Stören wir? Gewiß, betrachtet man die kleinbusweisen Pilgertransporte, denen wir ja glücklicherweise nur selten begegnet sind und die wohl erst im Sommer zur wahren Blüte erwachsen, die auf den geschobenen, staubigen Straßen direkt vor die Eingangspforten gefahren werden, so können wir wohl kaum stören. Und so ist der junge Gastmönch im Megistis Lavras - das Kloster scheint regen Pilgerbesuch gewohnt - wohl kaum unseret-, sondern eher der großen Zahl "pilgernder" Griechen wegen unwirsch, deren Verhalten für hiesige Maßstäbe getrost als Halligalli bezeichnet werden kann. Der ein oder andere Mönch ist auch dabei - undenkbar andernorts - und so sind es schließlich wir, die sich unwohl fühlen und nur um Minuten die völlig verspätete Schließung des Tores verpassen, um die Nacht im Freien zu verbringen.

Aber dennoch stelle ich mir die obige Frage. Der Athos ist ein herrliches Wandergebiet, üppig und wunderschön seine Natur. (Wenngleich, jene staubigen, geschobenen Straßen, auf denen die kleinen Busse verkehren, haben längst breit und zahlreich die alten Maultierstege ersetzt, deren geheimnisvolles, undurchsichtiges Netz einst die einzige Landverbindung zwischen den Klöstern war.)

Er ist Pilgerstätte, vielleicht nicht selten einer etwas abgeklärten Klientel; ist Ziel für Forscher und Gelehrte und möglicherweise auch nur für den ein oder anderen sportiven Athosbesteiger. Doch ist er ein Fahrtenziel? Die Antwort mag sein: Er ist es für den, der die Bereitschaft mitbringt, die wenigen Tage, die ihm zuteil werden, nicht spurlos an sich vorübergehen zu lassen, der die Anlage besitzt, den Athos nachwirken zu lassen - nachwirken, also im Danach, und das scheint mir so wichtig, wichtiger als im Davor. Das Erfahrene begreifen zu wollen, wenigstens ein Stück weit. Andernfalls geböte der Respekt, auf den Athos zu verzichten. So ist er vielleicht mehr geistig anspruchsvolles Reiseziel - ohne dabei abzuwerten - und weniger Ziel weltlichen Erlebens einer Fahrt.

Die Kürze der Zeit erlaubt nur einen Eindruck zu gewinnen, nur einen winzigen Ausschnitt dessen, was hier seit über tausend Jahren, Jahrhundert für Jahrhundert seinen Gang nimmt. Die wirkliche Stille des Athos, jene Gegenwelt zur Hektik zu spüren und seine Mystik zu entdecken, das erforderte mehr Zeit, als wir sie erhalten, mehr Ruhe als wir sie mitbringen. Ein nächster Athosbesuch, er sähe wohl schon ganz anders aus. Doch es ist zu spüren: Letztgültig wird man dem Ort nicht gerecht, will man nicht eintauchen mit ganzer Kraft. Wir sind eben nicht jene sieben Jungen, die ihrerzeit nach Indien tippelten und sich unterwegs jung und unbedarft der "lustigen Athosmönche" erfreuen durften. Wir sind es nicht und dürfen es auch nicht sein.


Der Berg

Natürlich wollen wir den Athos selber, den Berg besteigen. Er mißt immerhin 2030 Höhenmeter. Fängt man im Kloster Megistis Lavras quasi auf Meereshöhe an, so muß man ihn zunächst einige Stunden lang halb umrunden, jedoch nicht ohne schon ordentlich ein paar Höhenringe zu gewinnen (wenn auch mehrfach dieselben). Dann erst beginnt der ausschließliche Anstieg. "ΑΘΟΣ" sagt das rostige Schild an jener Wegspinne.

Der Berg läßt uns, so wie es eben die Aufgabe eines Berges ist, mit jedem Schritt mehr die Winzigkeit unseres menschlichen Daseins erkennen. Und wir spielen ihm dabei zu, denn unsere Tornister sind mit allerlei verzichtbarem aber liebgewonnenem Fahrtenutensil viel zu schwer gepackt für eine solche Tour. Er wiederum tut gerade so, als gäbe es uns nicht, ignoriert uns, während wir uns entlang seines Rückens Schritt für Schritt quälend emporschieben. Doch seine Ignoranz, wir wissen es, hat Methode: In Wahrheit gibt sie Raum und Zeit, sich auf sich selbst zu besinnen. Wenigstens für ein paar Stunden, solange der Aufstieg eben dauert. Im Angesicht schmerzender Schenkel, strömenden Schweißes und prickelnder Schultern schrumpft man mit jedem Schritt in wohltuender Weise um alle Eitelkeit und um alle Sorgen. In Wahrheit treibt er uns alles Selbstbewußtsein, treibt er uns auch das kleinste Quentchen aufgesetzten Hochmuts aus den Gliedern; und seine Verbündete, die Sonne am strahlend blauem Himmel, läßt ihn nicht im Stich.

Es bewahrheitet sich ein weiteres Mal in eindrücklicher Weise, daß dem Ausloten der eigenen Leistungsgrenze Gesundung und Selbsterkenntnis untrennbar verbunden sind, wenn auch nur für einen begrenzten Moment. Und das Mönchsdasein von Bruder Gelasios und all den anderen, das uns die letzten Tage begleitet hat, hier wird es noch einmal zusammengefaßt, hier läßt es sich ordnen - ungeachtet der Tatsache, daß es für uns als Lebensentscheidung nicht in Frage kommt, und ungeachtet der Tatsache, daß wir es in seiner wirklichen Tiefe nicht wirklich ergründen und begreifen können. Aber wir bekommen auch wieder ein bißchen Abstand, bekommen Luft, einmal richtig durchzuatmen.

Wir verbringen die Nacht, dicht an dicht in der kleinen Gipfelkapelle, und bei kristallklarer Atmosphäre erleben wir Sonnenunter- und einige Stunden später Sonnenaufgang. Der Athoskegel wirft in diesen Minuten jeweils ein gewaltiges Schattendreieck weit auf das Meer unter sich, in dessen morgendlicher Spitze Insel Skiathos (= Schatten des Athos) liegt, die wir von den Venetobesuchen her kennen.

So brechen wir nach Vollendung des Sonnenaufganges zum Abstieg auf. Unter uns die schmale Mönchskolonie; klein und beschaulich wie sie gen Nordwesten in den Nebel sich windet. Und doch dimensionslos. Morgen müssen wir die Insel verlassen. Was bleibt, ist die Erkenntnis, eine andere, unserem normalen Leben geradezu verborgene Welt gestreift zu haben. Ein Streifzug, der zu Ende geht, kaum daß er begonnen hat, ganz gleich, ob er fünf, sechs oder zehn Tage währte. Ein Streifzug durch eine Welt, in der nicht die Zeit und nicht die Freude am Leben die Dinge sind, die zählen, sondern die Vorbereitung auf die Endzeit. Eine Welt, in der es folglich keine Trauer gibt und keine menschliche Bindung, in der seit über tausend Jahren immerwährend Menschen sich entscheiden, den Rest ihres Lebens ganz im Zwiegespräch mit Gott zu verbringen. Für uns nicht abschließend faßbar, wirkt doch immerhin eine Ahnung dessen, was seit dieser Zeit tief im Innern des Athos, als Essenz, als Mark eines ganz der Vergeistigung verschriebenen Lebens in seinem Wesensgehalt unverändert da ist.


Christoph

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