Bergesnäh – Herbst 1999


Südtirol. Unbezwungen sind die Berge nicht. Dem haben schon andere vor uns abgeholfen. Sind die Abenteuer dadurch geraubt?

Die Berge sind wie das Meer unendlich und gewaltig in ihrer Erscheinung. Die Bergsteiger, die wir bunt am Hang aufgetupft sehen, können den Berg nicht sehen. Sie sind viel zu nah dran, können nur bis zum nächsten Halt denken und ihre Leistung am seltenen Ruhepunkt in der Ferne des Tals bemessen. Aber sie können den Berg nicht so erfassen wie ich jetzt.

Er ist einer in der Kette, vielleicht der höchste, am Fuß dunkelgrün bewaldet, weiter oben schroffer, grau und an der Spitze weiß. Das, was ich sehe, könnte von der Talsohle bald einen Kilometer in die Höhe ragen, dann zweimal so breit an der Grundfläche und noch mal das Doppelte so lang sein. Eine Pyramide also, vollgefüllt mit Fels. Diese sitzt auf der Erdkruste wiederum zwei Kilometer über dem Meeresspiegel und rotiert mit Überschallgeschwindigkeit um die Achse. Vom Kern aus gesehen ist der Gipfel also mehrere tausend Kilometer hoch. Können die Tupfer sich das gerade vorstellen? – Ich schon. Ich sehe den Gipfel und den Fuß. Was ich sehe ist ein Dreitausender in den Dolomiten.

Der muß "bezwungen" werden? Kann man das nicht einfacher haben? Einfacher ausdrücken? "Rauflaufen" erscheint mir grad zu paß.

Also unverzagt hinauf. Die Hände um die Griffstellen geschlossen, hochziehen, den Fuß in den Tritt und sichern. Dann oben sein, stolz auf die Höhe, und wieder runter.

Doch auf einmal bin ich am Berg. Nicht an dem, den ich vorher zu sehen glaubte. Der hier ist nicht mehr zu überblicken, paßt sich in seiner Masse nicht meinen Gedanken an. Ich gewahre den Felsenboden, an dem ich angeschmiegt liege. Unter meinem Bauch die Fluh, ich berühre sie mit meiner ganzen Front und klammre mich klopfenden Herzens an ihre Narben, die Füße in ihre Furchen gepreßt, mein Blick schaut eben die meine Nasenspitze befühlenden Blütenknospen in der Gesteinsfalte, dann unten das gemalte Tal und nach oben gewandt den Felsenhimmel, in den ich aufzusteigen wage.

So steigen wir mit fehlenden Worten als Buchstaben auf der Felsentafel empor. Schreibend, diskutierend.

Der Berg fordert nicht nur alle Rhetorik, sondern stellt den Lebenssinn mit beeindruckender Tiefe in Frage. An des Berges glitschigen Argumenten läßt sich leicht abrutschen, und die Kälte, mit der er uns die Worte ins Gesicht bläst, macht uns den Atem stocken und friert so manch griffigen Gegenbeweis ein.

Der Berg ist nicht die Größe, die meßbare Höhe. Der Berg ist die Berührung des Felsens mit der nackten Hand, das Herunterdrücken des Massivs durch Muskelkraft, der erschöpfte Atem, der die Wand herunterhaucht, damit ich Zeit für den nächsten Zug gewinne, mit dem Gefühl der Kameradschaft zum Berg ganz oben.

Ich habe ihn nicht bezwungen. Vielmehr, ich habe in ihm einen anspruchsvollen, würdigen Kameraden gefunden.


Freddy

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