Der große Coup – Pfingsten 1998


  - ©Weinbacher Wandervogel

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Bennissimo! Das ist ein Geschäft nach meinem Geschmack. Bis jetzt haben wir eigentlich stets versucht, den Kontakt mit den Carabinieri, diesen Pappagalli, möglichst gering zu halten, doch die Möglichkeit, von den Dummköpfen selbst guten Stoff abzusahnen, erfüllt mein Herz mit süßer Genugtuung. Gerne sind wir dem Aufruf unseres ehrenwerten Bruders Giovanni Brussa gefolgt, der uns aus Palermo seine Anweisungen geschickt hat. Es gilt, gegen die Russenmafia unser Einflußgebiet in Deutschland zu verteidigen und ihnen zu zeigen, wer der Herr in diesem Land ist. Von einem kleinen Polizeibeamten hat er den entscheidenden Hinweis bekommen, daß die Bullen im Wald bei Roßberg eine Drogenküche der Russenmafia ausgehoben haben und den Stoff nun in mehreren Fuhren abtransportieren wollen. Da diese Transporte wohl nicht allzu stark bewacht sind, dürfte ein kleiner aber hübscher Überfall nicht viel schwerer sein, als einem Bambino einen Lutscher wegzunehmen.

Che peccato - wie schade, daß er sich dabei nicht alleine auf uns verläßt, sondern zu allem Überfluß auch noch einige andere Familien der Cosa Nostra informiert hat. Dabei haben diese Stümper so viel Ahnung vom Geschäft wie meine gute Mama vom Autofahren. Aber - va bene - dann werden wir diesen Anfängern eben zeigen, wo es langgeht.

Natürlich sind sie alle gekommen, Tillissimo, Sebastiano, Timmolino, Orfeas, und Milano, sogar mein Cugino Fabio - alle meine prächtigen Jungs, um ihrem Paten bei der bevorstehenden Sache zur Seite zu stehen.

Ein toter Briefkasten im Wald enthält einen neuen Brief aus Palermo. Diesmal ist es die genaue Route und die Zeit der Transporte, die uns Giovanni übersendet; uns steht nun also nichts mehr im Weg, unseren Raubzug zu beginnen. Über kleine unauffällige Wege nähern wir uns der Straße, über die die heiße Ware transportiert werden soll. Nun heißt es, eine Strategie zu entwickeln. Einerseits muß die Polizei völlig überrascht werden, andererseits darf das Ganze nicht zu viel Lärm machen, damit die anderen Familien nicht zu früh alarmiert werden.

In einem kleinen Holzrondell verstecken wir uns und beobachten, wie die Polizeieskorte ahnungslos näherrückt und dabei ihrem Unglück direkt in die Arme läuft. Doch wir lassen sie erst noch vorbeiziehen, bevor wir lautlos aus dem Wald herausspringen und uns an ihre Fersen heften. Den immer noch Ahnungslosen folgend, nähern wir uns immer weiter an. Erst als wir direkt am Transport angelangt sind, spüren sie die Gefahr, und sofort entsteht ein kurzer, aber heftiger Kampf. Die unvorbereiteten Beamten können gar nicht so schnell schauen, wie die Beutel mit dem weißen Pulver den Besitzer wechseln, und als jeder von uns so viel gegriffen hat, wie er tragen kann, verduften wir so schnell und unauffällig wie wir gekommen waren.

Ein erstes Durchzählen zeigt den Erfolg, von den zwanzig transportierten Beuteln sind zwölf in unseren Händen, mamma mia, was für ein Coup.


Daß die nächsten Überfälle nicht genauso glatt laufen, ist zu erwarten gewesen. Natürlich hat sich die Polizei in weiser Voraussicht viel besser gewappnet, und auch die anderen Familien sind nicht ganz faul. Bis zum Abend gibt es noch einige wilde Kämpfe zwischen der Polizei und den Clans. Aber auch unter den Clans herrscht nicht nur Frieden.

Am Abend werden alle Auseinandersetzungen erst einmal eingestellt. Ein Vertrauensmann Giovanni Brussas erwartet mich und die anderen Paten an einer versteckten Hütte, um über Erfolg und Mißerfolg unterrichtet zu werden. Punkt 20.30 Uhr treffe ich in Begleitung Sebastianos an dem vereinbarten Treffpunkt ein, eine Probe der erbeuteten Ware in meiner Tasche. Es dauert noch eine ganze Weile, bis die letzten Paten eintreffen, sie haben eben weder Stil noch Manieren, aber das kann man nicht ändern.

Die Verhandlungen verlaufen ohne Zwischenfälle, und wir vereinbaren, allen erbeuteten Stoff am Sonntag vormittag im Hauptquartier der Cosa Nostra abzuliefern, wo Giovanni Brussa persönlich zugegen sein soll. Bis dahin jedoch bleibt jedes fremde Familienmitglied ein potentieller Feind. Es ist natürlich Ehrensache, daß in der Nacht keine weiteren Kämpfe ausgetragen werden, und so konzentrieren sich alle Anstrengungen auf den kommenden Morgen.

Bevor wir aufbrechen hat Cugino Fabio einen brillianten Einfall. Er wolle die Familie bis zum Quartier übernehmen und anführen, und ich soll mit dem Rauschgift versuchen, möglichst unauffällig durch- zukommen. Gesagtes wird getan und so trenne ich mich sehr herzlich mit etwas gemischten Gefühlen von meinen Jungen, doch schon am Mittag sollten wir ja, wenn alles klappt, wieder vereint sein.     

Mein Weg verläuft nach Plan und gespannt erwarte ich meine Ragazzi und male mir innerlich schon aus, welche höchst amüsanten Situationen so entstanden sein können. Erst spät und als eine der letzten Familien treffen sie am Quartier ein. Man hat ihnen übel mitgespielt, denn irgendein verfluchter Polizist hatte die anderen Familien scharf gemacht und verbreitet, wir hätten so immens viel Stoff ergattert - was ja nicht völlig der Wahrheit widersprach - und man müsse uns unbedingt aufhalten. Mehrfach habe man sie bis aufs Hemd untersucht und wütend festgestellt, daß nicht ein einziges Gramm Rauschgift zu holen sei. Tja, meine Freunde, cosi è la vita - so ist das Leben nun einmal.

Daß wir am Ende nicht alle Familien ausstechen können, tragen wir mit Würde. In großer Runde nehmen die Familien Platz und präsentieren die Früchte ihrer Arbeit. Ein Helfer des Giovanni Brussa wiegt alle Pakete und notiert die verschiedenen Ergebnisse. Immerhin erhalten wir Holland als Territorium und jeder weiß, daß der Drogenabsatz dort gewiß ein gutes Geschäft bescheren wird.

Doch wir wären keine Italiener, wenn wir uns nach dem Geschäft nicht noch etwas genüßlicheren Dingen hingeben würden. Am Abend wird die große Tafel gedeckt, und an langen weißen Tischtüchern nehmen alle Platz und schnuppern die Wohldüfte der vielen leckeren Speisen. Es ist eine Vielzahl unterschiedlichster Gerichte geboten und eine fürstliche Lasagne krönt das Ende des Tisches. Die Feindseligkeiten sind vergessen - letztlich sind wir doch alle Brüder einer gemeinsamen Sache - und bei einem guten Rotwein heißt es "Santa Maria schütze unseren Giovanni Brussa".


Takis


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