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Im Land, wo die Zitronen blühn – Kalabrien 1998 |
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Sonnenglut
Kalabrien ist das Ende Italiens, die Stiefelspitze. Genau dort trieb es uns diesen Sommer hin, denn schließlich wußten wir vom italienischen Wein, den Zitrusfrüchten und fetten Feigen, der wilden, schroffen Bergwelt, den alten Dörfern mit ihren Kirchen und ihren gastfreundlichen Einwohnern. Und nicht zuletzt wollte man es "mal wieder warm" haben - und warm wurde es auch.
Schon im Zug lähmte Stunde um Stunde eine drückende Schwüle, und wer einmal die Hand zur Erfrischung aus dem Fenster in den "kühlenden" Fahrtwind hielt, der zog sie kurz darauf enttäuscht wieder ein: Wir waren auf dem Weg nach Kalabrien, und wir fuhren einem unserer heißesten Sommer entgegen.
Vor allem in der Nähe der Küste, entlang derer die Eisenbahnstrecke einmal um den gesamten Stiefel herum läuft, waren die Temperaturen besonders arg. In den Küstenorten konnte man tagsüber nicht aus dem Schatten treten, ohne binnen kürzester Zeit bloß von der sengenden Hitze schweißdurchnäßt und erschöpft zu sein. Die Straßen waren dann wie ausgestorben, die Bars vorübergehend geschlossen, und die öffentlichen Wasserstellen, die Fontanas, lieferten bis in die Nacht hinein nur heißes Wasser. Wann immer wir im Laufe der Fahrt ans Meer kamen, um mit dem Zug ein Stückchen weiter südlich des Landes zu fahren, trieb es uns anschließend eiligst in die Berge zurück, in denen der leichte Temperaturunterschied die Tage, aber insbesondere auch die Nächte ein wenig erträglicher werden ließ.
Tagsüber, wenn die kühleren Stunden des Morgens bereits verstrichen waren, verweilten wir häufig irgendwo im Schatten, gehemmt durch die schwere Mittagshitze, die unseren jeweiligen Flecken nicht selten zu einem Gefängnis werden ließ.
Denn obgleich zumeist grenzenlose Weite um uns war, gab es häufig kein Fortkommen; weder konnte man bei der Hitze zu Fuß weiterziehen, noch gab es um diese Zeit eine Passaggio. Äußerlich zwar regungslos, jedoch innerlich meist unruhig, lag dann die Gruppe irgendwo hadernd mit der Erschöpfung und dem Nichtstun.
Schier endlose Wartestunden vergingen, die nur durch das vorübergehende Abstreifen von Unrast und Tatendrang erträglich wurden: "Jungs, guckt Euch doch die Italiener an, die lachen uns aus, wenn wir jetzt mit Rucksack und Gitarre weiterziehen. Macht es wie sie! Legt Euch hin und wartet einfach die paar Stündlein, bis die Signora den Rolladen der Cafebar wieder hochzieht."
Wir machten uns daher meist früh am Tage auf oder liefen abends spät, manchmal bis in die Nacht hinein. Wenn immer wir doch einmal in der Tageshitze ein Stück weiterzogen, lehrte uns binnen kurzer Zeit die Sonne glühend eines besseren.
Entsprechend war die Vegetation knochentrocken. Wir sahen bald riesige Buschbrände, die eben noch grüne Täler bis zum Abend in schwarze Einöden verwandelten, und bald wanderten wir über weite verbrannte Flächen, auf denen das Feuer meist ein oder zwei Monate zuvor über die Macchia, aber eben auch über Olivenhaine, Weinplantagen und Dörfer hinweggefegt war.
"Der heißeste Sommer seit 60 Jahren", versicherte uns ein alter Kalabrese am Wegesrand (obgleich, ein Lied brachte er uns nicht bei!).
Mezzogiorno & ´Ndrangheta
Doch nicht nur der Rhythmus des Tages, der dem Gang der Sonne folgen muß, läßt die Uhr des Südens anders gehen. Zwar ist die Zeit, daß hier nur Eselskarren fahren, natürlich lange vorbei, und die älteren Jungen brausen selbst in den kleinen Bergdörfern allesamt mit ihren neuen, bunten Motorrädchen herum (vor allem immer dann, wenn wir da sitzen, knattern sie pausenlos auf und ab, halten an, fahren wieder los, kommen wieder an, rauchen eine Zigarette und machen halt einfach nur eine "bella figura").
Doch im ganzen ist Süd-Italien ein armes Land, das nicht viel von dem doch so gerne als modern und fortschrittlich dargestellten Europa hat. Vielmehr ist hier noch das Urtum eines sub-mediterranen Landes zu spüren - wild und schön. Der Mezzogiorno (Mittag), wie Italien seinen Süden nennt, scheint sich geradezu dagegen zu wehren, Schritt zu halten mit dem schwunghaften Fortgang unseres ausgehenden Jahrhunderts, und führt uns einmal mehr das wirtschaftliche Anspruchsgefälle unseres Kontinents klar vor Augen.
Einst im Glanze reicher Stadtstaaten seiner hellenisch besiedelten Küsten ist der Süden Italiens seitdem ein armes, häufig leidvolles Land, und steht bis heute als dessen ungeliebter Stiefbruder im Schatten des Nordens. Stets galt die Regierung in Rom als etwas Fremdes und wurde wenig geachtet.
Sämtliche Versuche, dem Süden zu mehr Wohlstand zu verhelfen bzw. ihn auch nur partiell zu industrialisieren, schlagen bis heute fehl. Statt dessen verschwinden all die italienischen und europäischen Milliardenhilfen traditionell in dunklen mafiösen Kanälen, lassen immer aufs neue gnadenlose Kämpfe rivalisierender Clans um eben jene Pfründe ausbrechen.
Ja, die Mafia. Sie hat ihren Ursprung an sich in Sizilien. In Kalabrien hingegen treibt seit je her die ´Ndrangheta ihr Unwesen. Menschenraub und Lösegelderpressung im großen Stil gehören seit ehedem zum Geschäft der ´Ndrangheta. Mitunter werden die Entführten Monate, sogar Jahre irgendwo in den Bergen des südlichsten Gebirges Kalabriens in irgendwelchen Höhlen oder Verschlägen versteckt - in den Bergen des unwegsamen und wildromantischen Aspromonte, der "Heimat" der ´Ndrangheta.
"Es gibt einen Protagonisten, den jeder sieht, aber niemand wirklich kennt. Ein Name, der in vielen Geschichten und Berichten wiederkehrt und allein schon durch seinen Klang den Gedanken an ´Ndrangheta weckt: Aspromonte - wild, geheimnisvoll und undurchdringlich" (Luca Villoresi).
Eine ganz kleines Abenteuer sei deshalb erlaubt. Eines, das beinahe übersehen worden wäre, hätte man sich nicht die Zeit genommen, es zu erleben:
Geisterstadt
In langen Serpentinen geht es weiter bergab, aber wo bleibt der Ort? Sollte die Karte nun wirklich so ungenau sein? Doch da tauchen in einer Spitzkurve entlang der Straße ein paar Häuser auf. Sie stehen plötzlich da, ohne Licht, ohne Hundebellen oder Motorengeräusche, die eine Ortschaft hätten ankündigen können. Alles dunkel, alles tot. Außer uns scheint hier niemand zu sein.
Wir setzen die Rucksäcke ab und klettern durch ein offenes Fenster in eines der Häuser hinein. Im Schein der Taschenlampe taucht allerlei altes Gerümpel auf, Matratzen, Stühle, Kisten, Kleider, alles dick mit Staub bedeckt, so daß man sich kaum bewegen kann. Merkwürdig, denn aus welchem Grund sollte jemand seinen halben Hausrat einfach hier liegenlassen?
Da hier oben an der Straße nicht besonders viele Häuser stehen, vermuten wir den eigentlichen Ort weiter dort unten, finden auch ein Stückchen die Straße hinab einen entsprechenden Abzweig. Ehe wir uns versehen, befinden wir uns mitten in einem richtigen Dorf - nur, überall ist es dunkel, und auch hier unten ist niemand zu sehen. Wir schreiten vorbei an stummen Fassaden verlassener Häuser, deren Türen unverschlossen und deren Fenster dunkel und blind ein fast geisterhaftes Bild abgeben. Man erwartet, daß vielleicht doch irgendwo noch ein Licht angeht oder ein Dorfbewohner um die Ecke biegt, doch nichts passiert.
Schließlich stehen wir auf der winzigen, viereckigen Piazza des Ortes. An drei Seiten umrahmt von hohen Mauern der angrenzenden Häuser, läßt sie nach der vierten Seite über ein kleines Mäuerchen wohl unmittelbar steil hinab ins Tal blicken.
Im Moment jedoch sieht man über die Brüstung nur hinaus in ein riesiges nachtschwarzes Nichts, aus dem ein leichter Wind heraufweht, um sich zwischen den Wänden des kleinen Platzes zu verfangen und uns kreiselnd um die Ohren zu blasen. Die wenigen, engen Gassen, die von hier in die verschiedenen Richtungen des Ortes abzweigen, verlieren sich schon nach ein, zwei Schritten im Dunkel. Eine große, hölzerne Flügeltür in einer der angrenzenden Hauswände bildet den Eingang zur Dorfkirche. Wir stellen die Tornister in eine Ecke und holen Kerzen heraus. Noch immer ist keine Menschenseele zu sehen. Noch immer herrscht absolute Stille.
Die Kirchentür läßt sich (szenengerecht) nur schwer und unter lautem Quietschen öffnen und gibt den Weg frei in das Innere des Kirchenschiffs. Im Schein der Kerze erkennen wir in einer Ecke am gegenüberliegenden Ende des Raumes einen kleinen, provisorischen Altar, der, ähnlich dem einer Kapelle, mit einer alten Marienfigur, Kerzenständern und ein paar vertrockneten Distelblumen wohl ein paar Hirten zuweilen als Gebetsstätte dient. Ansonsten ist der Raum leer, kein Altar mehr, keine Bänke, sondern nur etwas Gerümpel.
Wir klettern den kleinen, halb verfallenen Glockenturm hinauf, bis wir auf dem Dach stehen. Die Nacht ist rabenschwarz, und auch von hier oben kann man nicht erahnen, wie groß der Ort nun tatsächlich ist. Wir verschieben deshalb die weitere Erkundung auf den nächsten Tag und beschließen, auf der Piazza unser Lager aufzuschlagen, lassen nach dem Kochen den Abend mit zwei, drei Liedern ausklingen.
Eingekochte Tomaten
Am nächsten Morgen frühstücken wir gemütlich auf einer kleinen Hausterrasse mit Blick hinab in ein gewaltiges Flußbett. Das Dorf liegt hoch oben eingezwängt auf der Spitze zwischen zwei sich treffenden Schluchten, fällt also an beiden Flanken steil ab. Es ist bergseitig nur über die Straße, auf der wir gekommen sind, zu erreichen und, wie wir später feststellen, noch über einen Pfad am gegenüberliegenden Ende, der hinab in die Schlucht führt.
Wir beginnen mit der Erkundung des Dorfes. Es handelt sich nicht etwa um irgendwelche verfallenen Ruinen, sondern was wir hier vorfinden, sind völlig intakte, mit wenigen Handgriffen wiederbeziehbare Häuser, und zwar mehrere hundert. Wir erkunden einen Ort, der gut und gerne einmal 2.000 Einwohner gehabt haben mag, und in dem nun jedes Haus offensteht und leer. Doch finden sich in den Wohnräumen teilweise noch bergeweise Wäsche, Töpfe und Pfannen, alte Schulhefte, Photos oder Medikamente liegen herum, alles schon mehrfach durchwühlt.
Wir finden in Flaschen eingekochte Tomaten, die sogar noch genießbar sind (allerdings scheiden da unterschiedliche Vorlieben die Geister), schrecken einmal Heerscharen von Fledermäusen auf.
Es gibt einen Einkaufsladen, eine Bäckerei und das Rathaus, und man kann erkennen, wo einmal Arm und wo Reich gewohnt haben - erstere in den Ausläufern und hinteren Winkeln des Ortes, wo Stallungen und Wohnräume der kleinen Behausungen teilweise ineinander übergehen, letztere in den großen, geräumigen Häusern im Bereich des Ortseinganges.
In einem der großen Häuser, einer kleinen Wendeltreppe in einen winzigen, stockdunklen Keller folgend, entdecken wir schließlich eine Gefangenenzelle. Es ist eigentlich eher ein Loch, ein in den Fels gehauener Raum, ohne Licht, ohne Abort. Die Tür ist eine einfache aber schwere, mit Blech behauene Holztür, die über ein winziges, eingearbeitetes Fensterchen mit Luke verfügt. Von außen kann man sie mit zwei schweren Riegeln verschließen. - ´Ndrangheta? Wer weiß es, aber es spricht alles dafür.
Später liegen wir wieder auf der Piazza, wartend in der Hitze. Schließlich werden wir unruhig und marschieren los, noch einmal durch den ganzen Ort hindurch, und folgen dem Pfad, hinunter in das gewaltige Flußbett.
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