Aus dem Tagebuch eines Goldsuchers   –   Pfingsten 1994


Im Fort Kingsley - ©Weinbacher Wandervogel

Im Fort Kingsley - ©Weinbacher Wandervogel

Im Fort Kingsley - ©Weinbacher Wandervogel

Goldsucher - ©Weinbacher Wandervogel

Abends im Saloon - ©Weinbacher Wandervogel

Die Turmuhr schlug zehn, endlich war es soweit. Gespannt, was uns erwarten würde, brachen wir das Siegel und rissen das Kuvert auf. Es war ein Brief vom Gouverneur persönlich. Tom Hutter, so schrieb er, einer der erfahrensten Trapper des Wilden Westens, war zeit seines Lebens auf Goldsuche gewesen und hatte dabei so manchen Indianer, der ihm in die Quere kam, aufgeschlitzt. Doch auch ihn hatte es eines Tages erwischt; die feigen Kojoten überfielen ihn von hinten, als er schon nicht mehr der Jüngste war.

Der alte Gouverneur hatte jedoch einige Tage zuvor eine alte Karte gefunden, die unverkennbar dem alten Tom gehören mußte, denn sie verzeichnete dessen Goldversteck und gab außerdem Hinweise auf Point Barrow, der Mine selbst. Da der Gouverneur auf Krücken ging und das Versteck selbst nicht mehr ausfindig machen konnte, hatte er uns diese Karte vermacht und wünschte uns viel Erfolg bei unserer Suche.


Sogleich machten wir uns zu Fuß auf den beschwerlichen Weg, da unsere Gäule per Post leider eine falsche Adresse erreicht hatten - - auf die ist eben auch kein Verlaß mehr. Ein kleiner Stoßtrupp stürmte voraus auf der Suche nach dem geheimen Versteck. Er wurde glücklicherweise auch fündig. Vier prallgefüllte Goldsäckchen warteten unter einer kleinen Brücke auf jemanden, der sie finden würde. Wir bereiteten diesem Warten großmütig ein Ende und setzten, ermutigt durch diesen ersten Erfolg, unseren Weg in Richtung Silbachriver, dem Grenzfluß von Gut und Böse, fort. Jenseits diesem nämlich treiben die Huronen Indianer mit ihren Verbündeten, den Frogs, ihr Unwesen und erschrecken arme kleine Goldsucher.

Außerdem lauerten dort noch andere Goldsuchergruppen, die gewiß auch nicht mit leeren Taschen davonziehen wollten. Ein ganz besonders großes Exemplar davon ließ uns partout nicht in Ruhe Gold suchen, sondern jagte unaufhörlich hinter uns her. Nachdem uns beiden die Puste ausgegangen war, ließen sie uns in Ruhe.

Dadurch hatten wir natürlich eine Menge Zeit verloren und Point Barrow war inzwischen, wie wir erfuhren, längst ratzeputz leer. So blieb uns tapferen Kriegern nichts anderes übrig, als auf den Achtuhr-Goldtransport zu warten, der sich mit einer Kutsche direkt durch das Kampfgebiet begeben sollte.

Wir suchten uns also eine geeignete Stelle

am Wegesrand, um den Transport so früh wie möglich zu überfallen, bevor es ein anderer getan hätte. Perfekt getarnt warteten wir in den Büschen, während sich die Zeiger unserer Taschenuhren unaufhörlich acht Uhr näherten. - Acht Uhr - nichts regte sich. Zwei nach acht - Stille, fünf nach acht - mein rechter Fuß schlief ein. Um sieben Minuten nach acht hörten wir dann etwas. Sofort legte einer von uns sein Ohr nach alter Cowboymanier auf die Straße, als sie auch schon kamen. Der Transport ? Nein, eine Horde von fünfzig miteinander verbündeten Goldsuchern, die völlig ohne jedes Schamgefühl lauthals brüllend an uns vorbei in Richtung des Transportes strömten und uns verblüfft stehenließen. Um nicht den Anschluß zu verlieren, setzten wir ihnen nach und belegten eines der knappgewordenen Verstecke. Als der Transport dann tatsächlich da war, gab es eine riesige Klopperei, bei der der größte Teil der Säcke erst einmal in die Menge flog. Schnell ergatterte ich einen und rannte in der entgegengesetzten Richtung fort, jedoch einer Huronensperre entgegen. Nach dem "Schau mal da oben"-Prinzip konnte ich sie durchbrechen und in Richtung unseres Lagers entfliehen. Auch die anderen waren nicht faul, und so trafen wir uns um einiges reicher am Treffpunkt und machten uns nun auf die Suche nach einem passenden Nachtlager. Leider war uns der Himmel nicht hold, denn die Nacht ließ ein wahres Unwetter auf uns herniedergehen.


Am folgenden Morgen war es unsere Aufgabe, möglichst heil das restliche Gebiet zu durchqueren. Völlig lautlos ging dies vonstatten, doch so wie gestern zu viele unterwegs waren, war es an dem Tag wie ausgestorben. Wir erreichten also wohlbehalten Fort Kingsley und gingen gleich auf direktestem Wege zur Bank, wo wir unser Gold gegen Kingsley-Dollar eintauschten. Wir hatten große Mühe, uns unserer Stiefel zu entledigen, doch der Schmied konnte dabei behilflich sein.

Am Abend traf man sich dann mit den anderen Trappern als Freund in dem Saloon und lernte sich beim Whisky immer besser kennen. Bis auf eine Schlägerei, die im Wetteifer um eine Dame entbrannte und das Inventar ein wenig in Mitleidenschaft zog, verlief der Abend recht ruhig. Man saß beisammen, erzählte sich, sang rauhe Lieder und genoß das Leben. Bis tief in die Nacht drangen Stimmen und Gelächter aus dem Saloon in die Weiten der unendlichen Prärie, wo sie sich langsam verloren.


Takis


[Fotos]




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