Belagerung der "Löwenburg"   –   Pfingsten 1992


Ritterspiele - ©Weinbacher Wandervogel

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Auftakt

So geschah es dann, daß sich an bekannter Stelle am Waldrand, südlich der kleinen Ortschaft, immer mehr der edlen Rittersleut mitsamt ihren Gefolgen einfanden. Die Feuer im Heerlager waren bereits entzündet und die Freuden über das Wiedersehen vieler Mitstreiter vergangener Schlachten noch nicht verklungen. Da trat aber Tillrich vor sein Zelt und schritt erhaben in den Kreis des versammelten Rates. Alsbald sollte ein jedermann wissen, warum er zu den Waffen gerufen war.

Die Löwenburg, einst stolzer Besitz derer, die den Löwen in ihrem Wappen tragen, welche nun jedoch der finstere Markgraf Helfenstein mitsamt seinem nicht weniger unwürdigeren Haufen, allerlei hergelaufener Mannen, durch manch undurchsichtiges, zwielichtiges Spiel sein eigen nannte, sollte Schauplatz frevelhaften Treibens werden.

So hatte sich der Erzbischof von Trier auf den Weg gemacht, um Dokumente dem Markgrafen zu übergeben, die dieser schändlicherweise für sich beanspruchte. Jene Dokumente nämlich, welche ihrem Besitzer die Schürfrechte der Silberminen des Landes Nassau garantierten, die zum zweiten Teil dem Grafen Tillrich bestimmt waren. Der Morgen des Tages vor dem heiligen Pfingstsonntag, so wurde Berichtet, war zur Übergabe gewählt worden. So beschloß der Rat, der Eskorte des Bischofs entgegenzuziehen, die Dokumente fremder Hand zu entreißen und damit gottgewollte Gerechtigkeit wieder herzustellen. Bald darauf kehrte Ruhe in das Lager ein.


Schlachten (derer zwei)

Der folgende Tag sollte mit Betrug beginnen und mit Blut enden. Am frühen Morgen bereits formierte sich das Heer und zog mit wehenden Fahnen der Schlacht entgegen. Vor dem Zusammentreffen mit der Eskorte teilte man sich, und wir, der eine Teil, verschanzten uns in den Bergen, um den Feind zu empfangen. Die andere Hälfte aber fiel der Eskorte unter Führung Tillrichs in den Rücken und trieb sie uns so in die Hände. Die damit entstandene Kesselschlacht tobte nur kurze Zeit. Bald fiel uns die Rolle mit den Dokumenten in die Hände, und man gewährte dem geschlagenen Feind großzügig den Abzug.

Aber ach, wie hatte man uns auf hinterlistige Art und Weise geschmäht: die Rolle des Bischofs war leer, nur ein Schmähgedicht enthalten, und von den Dokumenten fehlte jede Spur. Der jähe Zorn hatte die Ritter erfaßt, und so war der Angriff auf die Burg besiegelt. Kaum im Lager zurück gönnte man den Mannen keine Ruhe. Der Einsatz des schweren Kriegsgeräts war nunmehr unausweichlich. In Reih und Glied stand wenig später das ganze Heer. Vorneweg schritt der Graf, gefolgt von den edlen Rittern. Trommelwirbel und Hornsignal drang tief in den Wald und kündigte vom Herannahen der Kriegmacht. Dahinter kamen Geschütz und Munitionswagen, deren Größe und Gewicht uns im tiefen Schlamm der steilen Fahrwege einige Mühe bereiteten.

Bald aber standen die Reihen dicht an dicht vor der Burg, so daß der Feind nicht wußte, wie ihm geschah. Hatte er sich doch hinter den hohen Mauern der Burg stets sicher geglaubt. Beim Angriff der gräflichen Truppen aber wurde ihm seine übermütige Fehleinschätzung jäh bewußt. Noch einmal versammelte sich die Führung der Burg keck auf jenem kleinen Balkon an der Nordseite der Burg. Schnell war unsere Schleuder ausgerichtet und geladen. Und prasselte schon die erste Salve auf die verdutzt dreinblickenden Herren herunter. Der Kamp um die Burg hatte begonnen.

Unter wildem Gebrüll starteten Wellen von Stürmen den Angriff auf der Westseite und kämpften sich bis direkt an das Mauerwerk vor. Gedeckt vom ständigen Feuer der Schleuder versuchten unsere Mannen, nun die Mauer zu überwinden. Der Feind aber hielt sich dreist auf den hohen Mauern und dachte gar nicht daran, sich Mann gegen Mann uns gegenüberzustellen. So kam es, daß trotz hoher Verluste auf seiten des Feindes, der erwünschte Erfolg zunächst ausblieb. Nach einer Neuordnung der Truppen und Ergänzung der Geschützmunition griffen wir erneut an. Diesmal jedoch teilten sich die Belagerer in zwei Gruppen. Während der Angriff auf die Mauern in unverminderter Härte weiterging, zoge sich andere vor dem Burgtor zusammen. Das mächtige Eichentor schien unüberwindlich in den Angeln zu ruhen. Alsbald aber gelang es uns, mit schmetternden Schlägen Stücke aus dem Tor herauszubrechen. Zoll um Zoll arbeiteten wir uns voran, bis mit einem Male das Tor donnernd zerbarst.

Da stand uns der Feind entsetzt gegenüber. Es hätte wohl ein furchtbares Gemetzel gegeben, hätte sich nicht der Bischof seiner eigentlichen Aufgabe als geistlicher Würdenträgebesonnen und sich nicht zwischen uns und den weichenden Feind gestellt. Gnädig winkte Graf Tillrich seine Ritter zurück und gewährte dem Feind das Leben.


Bereits Tags darauf kehrten jene wertvollen Dokumente wieder zu ihren rechtmäßigen Besitzern zurück, und es erhob sich ein rauschendes Fest bis tief in die Nacht hinein.

Im Jahre des Herrn 1192 Wilhelm von Hohenstaufen, Ritter von Gottes Gnaden.

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