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Sonne, Sand und Staub – Kübelfahrt, Türkei Sommer 1986 |
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Kaum zu glauben, aber doch wahr. Unser Traum ist in Erfüllung gegangen. Wir wollten nicht wie schon unzählige Gruppen vor uns mit dem VW-Bus auf Großfahrt gehen. Nein, unsere Idee war es, mit Geländewagen fernab der üblichen asphaltierten Routen die Türkei in ihrem verborgenen Ursprung zu entdecken, mit offenem Verdeck durch Wind und Sonne zu brausen. Für dieses Vorhaben haben wir zwei ausgemusterte Bundeswehr-Kübelwagen erworben und in Eigenarbeit wieder flott gemacht. Nach wochenlangen Vorbereitungen war es dann endlich soweit.
Vor drei Tagen noch bangten wir beim TÜV. Nun rollen unsere sandfarbenen Kübelwagen im typischen Käfermotor-Sound durch die von pechschwarzer Nacht eingehüllte thrakische Tiefebene in Richtung Türkei.
Beim Morgengrauen zeichnet sich die Kulisse Istanbuls vom Horizont ab. Frühstück vor der Hagia Sophia. Eine Millionenstadt erwacht. Der Topkapi-Palast mit seinen jahrhundertealten Teppichen und Kunstschätzen läßt uns den Glanz des untergegangenen osmanischen Reiches erahnen. Dann der Bazar mit seinen unzähligen Teppichgeschäften, den Schuhputzern und fliegenden Händlern. Vor der gnadenlosen Mittagssonne und dem Menschengewühl in den Gassen fliehen wir in die Blaue Moschee. Später am Goldenen Horn dümpeln neben Ozeanriesen kleine Fischerboote an der Kaimauer, auf denen in großen Pfannen der frisch gefangene Fisch gebraten und an die Passanten verkauft wird.
Mit dem letzten Tageslicht schieben wir uns durch ein schreckliches Verkehrsgewühl über die den Bosporus überspannende Europa-Brücke. Das Schlimmste, was uns in dieser Situation passieren kann – die Hupe unseres Wagens fällt aus. Endlich haben wir es geschafft – Asien. Im bedeutungslosen Irgendwo der Dunkelheit schlagen wir unser Nachtlager auf.
Am kommenden Morgen beugen sich neun Köpfe über die Landkarte, Finger flitzen von West nach Ost, von Nord nach Süd. Schließlich werfen wir all unsere in der fernen Heimat gefaßten Pläne über Bord. Statt zur türkischen Südküste, lenken wir unsere Geländewagen an das Schwarze Meer.
Prächtiges Wetter, wir fahren mit offenem Verdeck, lassen uns den Fahrtwind um die Köpfe wehen. Eine weite Dünenlandschaft und fast menschenleere Strände empfangen uns. Am Abend fangen die Pimpfe Maikäfer, um sie frei nach Wilhelm Busch den anderen in die Schlafsäcke zu stecken. In Düce müssen wir an einem Wagen einen Simmerring erneuern lassen, was aber die einzige Reparatur während der ganzen Fahrt bleibt – von vormals besagter Hupe abgesehen.
Nach einigen Tagen durchqueren wir die Berge von Amant, vorbei an kristallenen Seen und riesigen Tannen, stoßen langsam nach Zentralanatolien vor. Die Straßen sind nicht asphaltiert und mit Schlaglöchern nur so übersät. Nach den ersten Sonnenstich-Fällen fahren wir bei sengender Hitze mit geschlossenem Verdeck. Würden wir aber auch noch die Seitenfenster einstecken, müßten wir sicherlich ersticken. Lieber nehmen wir in Kauf, daß der feine Staub der Piste sich auch in die letzten Falten unserer Kleidung legt. Ochsenkarren und Pferdegespanne kreuzen gelegentlich unseren Weg. Wo wir auch Halt machen, erregen wir mit unseren ungewöhnlichen Fahrzeugen sofort das Interesse der Männer und Jungen des Dorfes, werden zum Tee oder zum Essen eingeladen, bekommen großzügiges Quartier. Hier lernen wir orientalische Gastfreundschaft kennen und schätzen, ob beim Bürgermeister, beim Bauern oder beim Gastarbeiter auf Heimaturlaub. Beliebtes Ziel sind die Dampfbäder. Wo aus löwenköpfigen Wasserspendern heißes Wasser sprudelt, waschen wir uns den Staub der Piste aus den Poren.
Am südlichen Rand der anatolischen Tiefebene erreichen wir Konya, die Stadt der tanzenden Derwische. Für ein paar Lira beziehen wir in einer heruntergekommenen Absteige Quartier. Doch Konya soll nur Zwischenstation sein. Wir füllen unsere Vorräte auf für die Fahrt durch das Taurusgebirge. Das wald- und wasserreiche Gebirge bietet den Hintergrund für den letzten Höhepunkt der Fahrt, die Besteigung des dreitausend Meter hohen Anamas. Unsere Autos stellen wir bei einem Bauern unter und schultern unsere Affen. Der Gipfelsturm wird mit einem herrlichen Rundblick über das Taurusgebirge belohnt. Leider ist auch der Tippel durch die alpine Bergwelt viel zu schnell vorbei.
Wir erreichen das Mittelmeer. Die bereits touristisch erschlossene Südküste der Türkei hat uns keine neuen Abenteuer zu bieten und lockt nicht zum längeren Verweilen. Letzte bedeutende Haltepunkte sind Ephesus, Pergamon und Troja, bevor wir über Canakkale und Edirne die Türkei wieder verlassen. Hinter uns liegt eine unvergeßliche Fahrt mit tausend kleinen Erlebnissen. Erlebnisse, die man so schnell nicht vergißt und doch so schlecht beschreiben kann, Erlebnisse, die erst im Rückblick ihre wirkliche Bedeutung gewinnen.
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